Etappe 4

Etappe 4 / Geilo – Tyinkrysset

Von einem Nationalpark in den nächsten! Nach der östlichen Hardangervidda geht es durch den Hallingskarvet nasjonalark, über Skarvheimen hin zu Jotunheimen. Diese Etappe, von Geilo nach Tyinkrysset, mag zwar kurz sein, aber die Landschaftsvielfalt ist überwältigend! Von saftig grünen Ebenen im Hallingskarvet, bis hin zur felsigen Mondlandschaft in Skarvheimen ist alles mit dabei.

Mit knapp über 1700m Höhe durchwandere ich in diese Etappe auch den höchsten Punkt meiner gesamten Reise und das Wandern auf dieser Höhe ist wirklich etwas ganz besonderes in Norwegen. Den Wanderwegen zu folgen ähnelt hier eher einem Tanz über große Geröllblöcke und dabei muss der Kopf immer mit voller Konzentration dabei sein. Einfach mal den Kopf abschalten endet hier eher im Niemandsland. Also immer schön Ausschau nach den roten T’s halten!

Es fällt mir zunächst wirklich schwer mich auf diese neue Art des Wanderns einzulassen, da ich sonst auch nicht soo gerne über reines Geröll wandere. Allerdings ist das Gefühl in einer so abgelegenen und exponierten Gegend unterwegs zu sein schon aufregend!

Mittlerweile hat auch die Wandersaison in Norwegen offiziell begonnen und damit ist die Zeit der Hütten, die ich für mich alleine habe, wohl erst mal zuende. Das sorgt bei mir für gemischte Gefühle. Zum einen bin ich nervös, wie die ersten Hüttenabende mit mehreren anderen Wanderern so ablaufen werden und zum anderen freue ich mich aber auf den Austausch von Geschichten. Ich brauche immer eine Weile, bis ich mich gegenüber anderen Menschen öffnen kann, aber ich sehe diese Reise ja auch als Möglichkeit genau daran zu arbeiten! Eine durchaus interessante Geschichte habe ich ja dabei und wie ich gehört habe, sind die Norweger immer sehr fasziniert von allen, die ihr Land erwandern wollen. Wir werden sehen wie das läuft.

Die Reisetagebücher jedes Tages:

Tag 28 / Geilo - Hallingskarvet

Und wieder geht’s los nach dem Ruhetag in Geilo. War mir auch ganz recht, da am Vorabend eine Reisegruppe der Fotobegeisterten (ich sag mal ned mehr dazu) ins Hotel eingezogen ist und ein ziemliches Chaos ausgelöst hat. Deswegen war die Nacht auch relativ kurz für mich…

Aber egal, bei bestem Wetter geht’s los in Richtung Hallingskarvet nasjonalpark. Und nachdem ich dort angekommen bin muss ich sagen, die Gegend ist ein absolutes Highlight und davon wusste ich noch garnix! Eine wundervolle Überraschung und wahres Premiumwandern in „Herr der Ringe“ Kulisse. Wer meinen Weg verfolgt, wird sich drüber wundern, warum der Kerl mittendrin so n Zick-Zack läuft… naja, so n Gletscherfluss direkt zu furten is dann doch ned sooo die beste Idee (war zumindest meine Einschätzung). Ein Glück, dass es die auf der Karte eingezeichnete Brücke etwas weiter unten dann auch wirklich gab. Ist nämlich auch nicht immer sicher, manche Brücken werden erst später aufgebaut und manch andere existieren einfach mal gar nicht.

Ja, wie spricht man den jetzt den Namen meines heutigen Ziels bitte aus? Den kleinen Kurs für norwegische Sonderzeichen überlasse ich jeden Leser selbst.  Ist übrigens der Name eines Bergs. Und klarer Vorteil von fast allen Bergen in Norwegen, man hat Empfang.

Heute ging es durch den zweiten Teil des Hallingskarvet und dann kurz runter, Stückchen Straße uuuund gleich wieder hoch ins nächste Fjell. Nennen wir es mal das Verbindungsfjell zu Jotunheimen.

Krass, wie sich die Landschaft verändert hat. Hier scheint doch deutlich länger Schnee zu liegen, da der Boden noch wie eine Einöde aussieht. Ein Kontrastprogramm zum doch schon sehr grünen Hallingskarvet. Ich freu mich aber immer drüber, wenn sich die Landschaft verändert. Nach jedem neuen Gipfel zeigt sich immer eine ganz andere Welt, die erkundet werden möchte!

Das Laufen bei gefühlten 30 Grad und Windstille ist schon was anderes. In Vergangenheit hatte ich nie Probleme mit dem ausreichend Trinken, aber bei solch einem Wetter kommt man fast gar nicht hinterher das alles wieder in sich hineinzuschütten was man ausschwitzt. Das hab ich dann am Ende auch deutlich gemerkt. Die letzten paar Kilometer für heute hatten sich dann Kopfschmerzen angeschlichen und das war dann auch das Zeichen es gut sein zu lassen, n Bach zu finden und erst mal 2 Liter in mich reinzukippen.

So hat jedes Wetter seine Vor und Nachteile. Es kann aber sehr gerne schön bleiben. Das mit dem Wasser krieg ich schon irgendwie geregelt.

Jetzt geben wir diesem „Verbindungsfjell“ erstmal noch einen Namen. Das ist Skarvheimen und Skarvheimen hat es ganz schön in sich….

Wenn ich die Reise bis jetzt nach Ihrer Schwierigkeit bewerten müsste, dann wäre diese Gegend hier ungeschlagen auf Platz 1. Da es hier bis auf 1700m hinauf geht, sieht die Landschaft entsprechend karg aus… fast schon tot mit den ganzen Felsen. Man sucht in der Höhe vergeblich nach Spuren von Büschen oder anderen „Lebewesen“.

Und genau diese Abwesenheit von irgendwas offensichtlich Lebendigem macht diese Gegend auch mental schwierig. Ich fühl mich hier extrem ausgesetzt. So ausgesetzt, das in mir ein Gefühl aufkommt, dass ich hier schnell wieder raus will… Laufen kann man das Fortbewegen hier nicht mehr nennen, es ist mehr ein Springen von Fels zu Fels. Kaum auszudenken wie das hier wäre wenn es noch regnen würde! Ja, es gibt auch die Gegenden in denen selbst ich sage, da fühl ich mich nicht wohl…

Das Ende der Tour heute ist die Bjordalsbu. Und ich bin froh diese zu erreichen, wirklich froh! Der Tag hat mein Limit überschritten… Aber die folgenden Tage werden einfacher und es geht wieder in tiefere Regionen.

Die Bjordalsbu war nun auch mal die erste Hütte auf der ich noch andere Wanderer getroffen habe. Man merkt schon deutlich, dass die Wandersaison der Norweger angefangen hat und sich das einheimsche Volk auch wieder in die Berge traut. Mit vier anderen Wanderern wurde bis in die Nacht hinein Geschichten und Tipps für die weitere Reise ausgetauscht.

Interessant war, dass einer der anderen, ein schon etwas in die Jahre gekommener Norweger, doch sehr viel Respekt vor einer noch nicht ganz aufgebauten Sommerbrücke direkt vor der Bjordalsbu hatte. Und da ich am Abend davor ja genau über diese halbe Brücke angedackelt kam, hatte ich entsprechendes Publikum, das mir beim Überqueren fleißig zugesehen hatte. Spannend worüber man sich selbst und worüber sich andere so Ihre Sorgen machen. 

Der Weg heute ging wieder etwas weiter nach unten und damit wieder in etwas lebendigere Gegenden. Vorbei an imposanten Wasserfällen unter Schneefeldern hindurch und alles bei bestem Wanderwetter!

Ein weiterer Meilenstein geschafft!

Nach einer sehr windigen und kalten Nacht im Zelt, ging es genau so morgens auf den Wanderwegen weiter. Hagel und Schnee kamen auch wieder kurzzeitig dazu. Den Wetterumschwung hier in Süd Norwegen merkt man deutlich! Schon faszinierend wie sich das Wetter hier innerhalb von nur einem Tag und mit ein paar Höhenmeter unterschied verändern kann. Und da sich Norwegen auch nie gerne an eine Wetterlage hält, ist gegen Mittag dann auch wieder der Sommer zurück. Wenn dir das Wetter in Norwegen nicht gefällt, warte einfach 5 Minuten, dann ist es eh anders!

Der letzte Tag der vierten Etappe führt mich in das kleine Dörfchen Tyinkrysset, welches, genau wie Geilo schon, ein Wintersport Ort ist. Im Grunde gibt’s hier nur n Hotel, n Supermarkt/Sportladen/Baumarkt/Alles?! und eine Fjellstue mit gutem Essen. Also alles was n Wanderer braucht würde ich mal behaupten.

Im Hotel dann noch die Überraschung des heutigen Tages. Marius und Bengt, die beiden Norweger die auch Norge på langs laufen und die ich zu Beginn meiner Reise in Ljosland getroffen habe, sind zufällig auch zur gleichen Zeit wie ich hier! Und unsere Wege für die nächsten Tage sind gleich, also wird es mal wieder ein gemeinsames Laufen geben!

… war diese Etappe eine körperliche Bewährungsprobe und „soziales“ Neuland. Nach der teils schmerzhaften letzten Etappe war ich mir zunächst sehr unsicher, wie mein Körper und insbesondere meine Beine mit den vielen Höhenmetern zurecht kommen werden. Der Ruhetag in Geilo hat nicht wirklich die vollkommene Schmerzfreiheit ergeben, weshalb der erste Wandertag in dieser Etappe noch mit vielen Zweifeln bestückt war. Allgemein habe ich lernen müssen, dass ein Ruhetag zwischen den Etappen mehr für die mentale Erholung und nicht für die körperliche Erholung dient. Die Vorstellung, dass nach nur einem Tag Ruhe wieder alles wie geschmiert läuft, ist unsinnig und das werde ich auch noch über die gesamte weitere Reise hin merken.

Das Wandern über weitläufige Geröllfelder ist auch so eine Sache für sich. Wie ich gelernt habe, scheiden sich daran die Geister. Entweder man liebt es oder man kann gut und gerne darauf verzichten. Ich gehöre da wohl eher zur letzteren Sorte. Die vielen Restschneefelder haben in diesem Falle sogar dazu beigetragen, dass es einfacher zu laufen war.

Das soziale Neuland war der erste Abend auf einer voll besetzten Hütte, der Bjordalsbu. Oh, habe ich mir darüber den Kopf zerbrochen wie ich in einem komplett unbekannten sozialen Umfeld zurecht kommen werde. Zwischen Menschen, welche ich überhaupt nicht kenne und mit lediglich rudimentären Kenntnissen der norwegischen Sprache. Bisher habe ich die stillen und einsamen Nächte nur mit mir allein immer sehr genossen. Ich konnte dabei die Erlebnisse des Tages gut verarbeiten und mich meinen eigenen Gedankengängen widmen. Wird es mich also unter Druck setzen nun plötzlich mit anderen Menschen auf engem Raum zu sein oder werde ich Gefallen dran finden meine Geschichte mit denen der anderen zu teilen? Fragen, die mir zu Beginn der Etappe durch den Kopf rauschen.

Es sollte aber besser kommen als je erwartet! Mit sechs anderen Wanderern, allesamt Norweger, verbringe ich meine erste gesellige Hüttennacht auf der Bjordalsbu. Ich bin der letzte der abends dort ankommt und stehe damit direkt mal im Mittelpunkt der es sich schon gemütlich gemachten Truppe. Ich stelle mich vor, berichte das das Ziel meiner Wanderungs das Nordkapp ist und schon hagelt es Fragen und eine Mischung aus Bewunderung und Fassungslosigkeit tritt ein. Es ist wirklich so, dass die Norweger außerordlich fasziniert von Menschen sind, welche große Abenteuer in ihrem Land erleben möchten… egal woher sie kommen mögen!

Ganz ungewohnt für mich, fühle ich mich wohl, derart im Mittelpunkt zu stehen! Ich kann es wirklich genießen und mich dabei auch noch vom anstrengenden Wandertag entspannen! Ein großer Stein fällt mir dabei vom Herzen und der erste gesellige Hüttenabend sollte sich bis in die späte Nacht hinein ziehen. Besonders fasziniert bin ich von der Art und Weise, wie eine Mutter mit ihrem Sohn deren Wanderurlaub begeht… zeitlos! Beide haben ihre Uhren zurückgelassen und die Handys ausgeschaltet und verzichten damit bewusst auf alles was die Zeit anzeigt. Sie fühlen sich so mehr der Natur verbunden und mögen es einfach mit dem Tageslicht zu leben. Eine schöner Verzicht, finde ich!

Die gesamte Route auf einen Blick:

Falls Interesse an .gpx Dateien meiner Route besteht, gerne per Kontaktformular melden. Ich helfe gerne weiter 🙂

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