Etappe 5 / Tyinkrysset – Otta

Diese Etappe führt mich ins Land der Riesen… Jotunheimen! Diese sagenumwobene Gegend ist Heimat der höchsten Berge Skandinaviens und lässt mich mit Ehrfurcht durch seine weiten Täler und hohen Gebirszüge wandern. Selbst der größte Wanderer fühlt sich in Anwesenheit der sich türmenden Berge ganz klein.

Die Besonderheit dieser Etappe für meine ganze Reise liegt in der Vergangenheit. 2020 stand ich schon als Norwegen-„Neuling“ auf der Brücke bei Spiterstulen und habe die endlosen Weiten des Fjells bestaunt. Damals habe ich mir geschworen, dass ich eines Tages zurückkehren werde, um mich tiefer den Geheimnissen der weiten Täler und des hohen Fjells zu widmen. Und dies sollte mit dieser Resie wahr werden! Aus diesem Grund entschied ich mich in einem etwas größeren Bogen durch Jotunheimen zu wandern, sodass ich wieder genau an diesem Ort bei Spiterstulen von vor 5 Jahren stehen und mir den Schwur von damals erfüllen kann.

Mittlerweile ist auch der Sommer in Norwegen angekommen und, mal abgesehen von den Abstechern in die hohen Gebirge, es lässt sich damit endlich mal in kurzen Klamotten wandern. Der Restschnee des alten Winters ist nun nahezu komplett geschmolzen und Norwegen befindet sich mitten in seiner wunderschönen, wenn auch sehr kurzen Wandersaison. Begegnungen mit anderen Wanderern aus aller Welt werden häufiger und manche führen sogar zu anhaltender Freundschaft. Aus dem einsamen Wanderer wird ein Geschichtenerzähler!

Die Reisetagebücher jedes Tages:

Tag 33 / Tyinkrysset - Fondsbu

Diesmal geht’s ohne Ruhetag weiter!  Zudem sieht die Wettervorhersage noch recht gut aus für die nächsten paar Tage und ich denke das sollte man nutzen.

Der Start lief noch „einsam“ ab, aber nach ca. 6km hatten mich Bengt und Marius, die zwei Norweger mit dem gleichen Plan, eingeholt und dann ging’s weiter im Team für die nächsten 20km. Und das hat richtig gut getan! Der Weg war eine Schotterpiste entlang des Tyin-Sees und damit nicht sonderlich abwechslungsreich zu Laufen. Da tut es schon richtig gut, sich mit anderen unterhalten zu können! So sind die ganzen Kilometer bis zu unserem Ziel, der bedienten Fondsbu, wie im Fluge vergangen. Zwischendrin hatten sich dann auch noch Rentiere auf der Straßenseite blicken lassen! Auch die kann ich jetzt von der Liste der Sachen die ich sehen möchte streichen!

Das ist auch eines der schönsten Sachen an dieser Reise. Sich ausführlich mit anderen unterhalten zu können und etwas über deren Leben und Geschichten zu erfahren. Und da unser Plan im Großen und Ganzen der gleiche ist, hat man auch immer gleich Themen die einen verbinden. Das hat heute einfach richtig Spaß gemacht.

Angekommen an der Fondsbu, stand dann erstmal eine Premiere für mich an. Das erste Mal in eine bewirtete DNT Hütte einchecken und sich mit allem vertraut machen! Da muss ich gestehen, war ich extrem froh in Begleitung der zwei Norweger zu sein. Es fällt doch alles etwas einfacher wenn man jemanden dabei hat der einem Sachen erklären kann.

Die bewirteten DNT Hütten sind einfach der Wahnsinn! Klar, kostet das alles etwas mehr als eine Übernachtung in einer Selbstbedienungshütte, aber was man dafür bekommt ist das Geld alle mal Wert. Ein 3-gängiges Abendessen, Übernachtung im 4-Bett Zimmer, Frühstück und die Möglichkeit sich sein Vesper für den nächsten Tag beim Frühstück mitzunehmen. Quasi ein Rundum Sorglos Paket! Das Abendessen wird noch persönlich von der Hüttenbetreiberin vorgestellt und nach dem Hauptgang gab es als Überraschung noch eine Gesangseinlage von ihr mit alten norwegischen Liedern… einer der Momente in der Emotionen hoch kommen und man sich wie in einem Traum fühlt. Alles hier ist voll von neuen Eindrücken und Überraschungen… überwältigend schön!

Auch wenn der Weg heute nicht spannend war, es war einer der bisher schönsten Tage dieser Reise!

Es geht ins Land der Riesen, Jotunheimen! Die höchsten Berge Norwegens verweilen dort und die Durchquerung wird nochmal einiges an Anstrengung mit sich bringen. Dennoch bin ich voller Vorfreude und Ehrfurcht als wir uns heute wieder zu dritt, von der Fondsbu aus, auf den Weg machen.

Das Wandern mit den zwei Jungs ist einfach top und wir verstehen uns so gut, dass die Kilometer weiterhin wie im Flug vergehen und wir definitiv unseren Spaß haben. Für Jotunheimen sehen meine eigenen Pläne aber etwas „besonders“ aus. Ich werde nicht den weitreichend bekannten Touri Wanderweg über den Besseggengrat nehmen, sondern über Spiterstulen und Glitterheim gehen. Drei Gründe dafür: Erstens widerstrebt es mir etwas, auf stark bewanderten Wegen zu gehen. Zweitens möchte ich gerne in das Herz von Jotunheimen gehen und drittens… als ich vor 5 Jahren meinen ersten Roadtrip durch Norwegen gemacht habe, stand ich einst vor dem Aufstieg auf den höchsten Berg Norwegens, dem Galdhøpiggen, auf der Brücke direkt nach der Hütte Spiterstulen und blickte in das ferne Tal abseits meines damaligen Wegs. Ich habe mir damals geschworen, dass ich eines Tages genau aus diesem Tal heraus wandern werde, dessen Schönheit mich damals so fasziniert hatte. Das wird nun morgen wahr werden!

Die zwei Jungs werde ich allerdings mit Sicherheit in ein paar Tagen in Otta wieder treffen und eventuell gehen unsere Wege dann auch gemeinsam weiter.

Und jetzt noch ein Rückblick auf einen Monat wandern…

Ich bin schlichtweg überwältigt von allen Erlebnissen! Diese Reise ist etwas, dass man niemals in einfache Worte fassen kann. Es wirkt so oft wie ein Traum, den ich aber selbst kontrollieren kann. Ich merke täglich, wie ich mich selbst weiterentwickle, wie sich meine anfängliche Angst in grenzenlose Neugierde verändert. Wie Zweifel zu Selbstvertrauen wird und insbesondere wie all meine Sinne einen Instinkt prägen, den ich so zuvor nie hatte. Die Bandbreite an Emotionen ist enorm groß und die lassen sich auch nicht immer im Zaum halten. Ab und an fließt einfach das ein oder andere Tränchen wenn man von der Schönheit der Momente überwältigt wird. Und ich möchte es auch nicht anders haben.

Ich bin glücklich mittendrin zu sein und noch so viel vor mir zu haben!

Einen eigenen Schwur erfüllt und im Herzen Jotunheimens angekommen! Die Erinnerung an das letzte Mal vor 5 Jahren, ist sofort wieder präsent und das bei schönstem Wetter.

Zunächst ging es aber erstmal wieder nach oben, ins Land der vielen Steine. Auch an den Grüßen der doch mittlerweile recht vielen Wanderer hab ich gemerkt, dass es nicht nur für mich extrem anstrengend ist, sich durch so ein Gelände zu kämpfen. Aber wenn sich dann der Nebel lichtet, dazu noch wilde Rentiere an den Hängen grasen und sich die Schönheit der hohen Berge hier zeigt, dann weiß ich wieder warum ich diesen kleinen „Umweg“ gehen wollte!

Zwischendrin wurde ich noch von zwei Schweden zum spontanen Kaffee eingeladen. Schlau von denen immer ne ganze Kanne zu kochen! Kann ja sein dass ein verrückter Kerl mit nem großen Plan vorbei kommt!

Auch wenn die Anzahl der Menschen die ich mittlerweile Tag für Tag auf den Wegen treffe extrem gestiegen ist, fühlt es sich nicht weniger besonders an hier zu wandern. Im Gegenteil sogar, ich mag es mittlerweile sehr, gemeinsam Geschichten auszutauschen und das geht unter Bergmenschen einfach immer hervorragend. Auf Tour ist so gut wie jeder freundlich und es wird fleißig vom kommenden Weg berichtet und Tipps gegeben. So viele Empfehlungen für Orte in Norwegen die ich mal unbedingt besuchen kommen muss, da muss ich wohl jedes Jahr zurück kommen!

Geschlafen wird heute wieder im Zelt, bei bester Aussicht auf Norwegens höchsten Berg, den Galdhøpiggen mit seinen 2469m. Hoch geh ich diesmal aber nicht. Da oben war ich schon vor 5 Jahren und es gibt einfach Orte an die man nur einmal geht. Nicht weil ich keine Lust auf ein zweites Mal habe oder es vielleicht zu anstrengend wäre, sondern weil manches einfach besonders bleiben sollte. Deshalb bewundere ich diesen Berg heute direkt aus dem Zelt heraus und schwelge in Erinnerungen.

Noch einmal Berge! Das Finale von Jotunheimen steht an und führt mich heute am Glittertind, dem zweithöchsten Berg Norwegens, der Glitterheim Hytta und dem wunderschönen Veodalen vorbei!

Bei den ganzen Steinen auf der Höhe war wieder extremes kraxeln angesagt, aber da das Wetter wieder 1A mitspielt, war auch das kein Problem. Die Gegend hier gehört für mich bisher zu den absoluten Favoriten. Hohe Berge in jeder Himmelsrichtung und trotzdem lebendige Täler dazwischen. Immer wieder und insbesondere Morgens nach dem Aufstehen sieht man wilde Rentierherden durchs Fjell streifen. Man kann sich an allem gar nicht satt sehen!

Auf dem Weg zu Glitterheim Hytta sind mir noch zwei Schweden über den Weg gelaufen die gerade für 10 Tage mit Rucksack und Zelt durch die Berge streifen. Mit denen zwei bin ich so gut ins Gespräch gekommen, dass wir den gesamten Weg bis zu Hütte und hinein zusammen durchgezogen haben. Und da ging’s dann erst richtig los… Ich sag’s mal so, wenn du mit Schweden anfängst Bier zu trinken dann wird das ne abendfüllende Geschichte.

Die zwei Kerle werde ich so schnell sicher nicht mehr vergessen, das war n Abend!

Ich bin gespannt was die Nacht bringt, denn das Wetter soll sich ganz schön in die unschöne Richtung verändern. Naja, ich muss es eh nehmen wie es kommt, also abwarten.

Nachdem ich da gestern in der Glitterheim Hytta ziemlich versumpft bin mit den zwei schwedischen Helden, ist der spätere Start für heute ja schon vorprogrammiert.

Macht aber nix, da es eh die ganze Nacht durch geregnet hatte und ich auf ein kleines Zeitfenster gewartet hab, in dem es gerade mal nicht horizontal regnet. Das war heute morgen aber auch echt ziemlich unangenehm… mit dem eisigen Wind dazu waren es gut und gerne mal gefühlte -2 Grad und nach dem Zeltabbau war dann erstmal wieder warm laufen angesagt! Und das auf satten 36km Straße… Gut, am Anfang war’s noch ne Schotterstraße, das ist etwas angenehmer zu laufen, aber am Ende, zu heutigen Ziel in Heidal, wieder volle Asphaltstraße… Am Ende wurde aus der heutigen Route der bislang längste Lauftag! Hätte mir früher mal jemand gesagt „jetzt laufen wir 36km“ hätte ich ihm n Vogel gezeigt und ihn für verrückt gehalten, aber jetzt sieht das alles etwas anders aus.

Zwischendrin gabs ins Randsverk dann noch ein sowas von zufälliges Erlebnis! Nachdem ich in einem Café fertig gegessen hattee und ich gerade dabei war meinen Rucksack zu schultern, fällt mir auf der Terasse ein weiterer gigantischer Rucksack auf, der da so ohne Eigentümer rumsteht. In dem Moment kommt der gute Odin (ja er heißt wirklich so und sein Name is Programm, der sieht auch aus wie n Wikinger!) heraus und es stellt sich heraus das auch er Norge på langs läuft! Zwar geht seine Route heute noch etwas anders aber auch wir werden uns wieder treffen. Spätestens in Otta auf ein Bier. Wahnsinn, was für Zufälle es gibt!

Nach dem Marsch von gestern stehen heute „nur“ noch 22km auf dem Plan bis Otta. Die sind zwar noch mit einigen Höhenmetern gespickt und mit ner Menge angekündigtem Regen, aber das ist gut machbar.

Die Nacht auf dem Zeltplatz war komplett verregnet und dementsprechend ist jetzt so gut wie alles nass… Solche Situationen zehren schon etwas an der Motivation, aber da in Otta ein Ruhetag ansteht und ich alles wieder gut trocknen kann hält sich der Frust in Grenzen. Letztendlich muss ich das Wetter eh so nehmen wie es kommt und auf 2 Wochen Sonnenschein zu hoffen ist im Juli und der Gegend in der ich gerade bin eher utopisch. Also alles in den Rucksack rein, nicht drüber nachdenken das der schon am Tropfen ist und los geht die heutige Reise.

Da ich die direkte Route nach Otta nehme und nicht 30km Straße laufe, geht’s über den Berg Ranglarskampen hinauf auf 1150m und danach gleich wieder runter. Ich finds schon interessant, normalerweise würde ich jeden Gipfel auf dem Weg mitnehmen wenn ich auf Wandertouren gehe, aber bei so einer riesigen Tour lass ich die großen Berge dann doch lieber links liegen. Der höchste Punkt bisher ist und wird vermutlich auch die 1700m in Skarvheimen bleiben. Es sei denn ich verspüre einen spontanen Bergsteiger Drang und nehme den höchsten Berg der Rondane mit, aber das wird erst spontan entschieden.

In Otta angekommen wird das Ende meiner 5. Etappe und damit auch über 800km wandern bis jetzt gefeiert! Die zwei norwegischen Jungs sind auch noch da und wir verbringen den Abend zusammen und verfolgen live mit, wie Deutschland aus der EM fliegt. Nicht das ich viel dafür übrig hätte, aber es war doch lustig mit den zwei anderen mitzufiebern. Schade das ich die zwei wahrscheinlich für ne lange Zeit nicht mehr sehen werde. Auch wenn man auch nur ein paar Tage zusammen geht, bildet sich schon so etwas wie ne kleine Wanderfamilie. Wir bleiben definitiv in Kontakt 😊

Otta ist das Tor zum Rondane Nationalpark und in den geht es dann als nächstes. Aber davor steht morgen noch ein Ruhetag an. Einer der diesmal echt nötig ist, sagen zumindest meine Füße!

Ruhetag!

Es wird gegessen, gewaschen, Ausrüstung geflickt, Schuhe gewachst und die Sohlen der Wanderschuhe ausgetauscht. Vor allem die neuen Sohlen sind dringend notwendig und wenn man sich mal das Wasser anschaut, würde ich behaupten, dass auch die Wäsche keine schlechte Idee war!

… hat diese Etappe auch nach mehr als einem Jahr noch einen besonders hohen Stellenwert in meinen Erinnerungen.  Sie hat den Kreis geschlossen. Vom ersten flüchtigen Wunsch, dieses Land innig kennenzulernen, über die Idee, den Plan und bis zur Umsetzung. Auch wenn die Reise an diesem Punkt gerade einmal grob zu einem Drittel „vorbei“ ist, empfand ich einen grenzenlosen Stolz auf mich selbst. Ich durfte erfahren, wie es ist einen Traum zu hegen und diesen auch wirklich umzusetzen, entgegen allem was was an Zweifel und Kritik von außen auf mich eingeprasselt ist. Ich hatte schon immer einen Kopf und die Sturheit meine Ideen durchzusetzen, aber in dieser Größenordnung? Das war Neuland für mich. Und wie erfüllend es sich anfühlt, wenn man nicht aufgibt und das Leben, die Träume und Wünsche in die eigene Hand nimmt und es nicht dem Zufall überlässt!

Ich hätte nie erwartet, dass ich mich in so etwas wie einer „Wanderfamilie“ wohlfühlen würde, aber die Gesellschaft der beiden norwegischen Jungs, mit dem gleichen großen Ziel, war wirklich besonders! Nicht nur, dass sie mir den Einstieg in die großen bedienten Wanderhütten Jotunheimens einfacher gemacht haben, sondern auch die Offenheit und Voruteilsfreiheit mit welcher wir uns unterhalten konnten. Allgemein zeigt sich hier in Norwegen, genau wie zum Beispiel in den Alpen, eine herzliche Freundlichkeit unter allen Wanderern.  Deine Karriere, dein Wohnort, deine wirtschaftlichen Erfolge sind Dinge um die sich keiner mehr schert. Es geht viel mehr darum, wer du bist und warum du hier bist. Und vielleicht auch des Öfteren, wie matschig der weitere Weg wohl sein mag.

In den großen Hütten trifft man auch wirklich alle Arten von Menschen. Von der Familie, welche in den Ferien ihrer Kinden dem Nachwuchs die Schönheit des Landes zeigen möchte (mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg) über das internationale Publikum, welches den Luxus einer bedienten Hütte nicht missen möchte, bis hin zu den großen Abenteurern, deren Reise noch lange nicht vorbei sein möge! Und so gering mein Drang nach „Luxus“ auch sein möge… zu einer warme Dusche und wirklich hervorragendem Essen, sage auch ich mal nicht Nein.

Die gesamte Route auf einen Blick:

Falls Interesse an .gpx Dateien meiner Route besteht, gerne per Kontaktformular melden. Ich helfe gerne weiter 🙂

1 Gedanke zu „Etappe 5 / Tyinkrysset – Otta“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen