Etappe 9 / Røyrvik – Umbukta

Schon etwas mehr als zwei Monate bin ich nun unterwegs. Wie schnell die Zeit doch vergeht, wenn jeder Tag ein neues Abenteuer bereithält! Und nicht nur zeitlich bin ich mittlerweile (ziemlich genau) in der Mitte der Reise angelangt. Die neunte Etappe führt mich, direkt nach Røyrvik, an einen der offiziellen „midtpunkt i Norge“, einem Mittelpunkt Norwegens. Ich spreche bewusst von „einem“ der Mittelpunkte, da das Land der Meinung ist mehrere davon haben zu müssen. Es gibt noch einen geografischen Mittelpunkt, welcher aber nicht entlang meiner Route lag. Diesen habe ich aber auch schon überschritten, also kann ich es jetzt, mit Fug und Recht, wie schon Bon Jovi sagen… „ohhh I’m halfway there“.

Mein Mittelpunkt Norwegens liegt aber an einer interessanten Stelle. Am südlichen Ufer des Namsvatn markiert er den Einstieg in Nationalpark Børgefjell und dieser soll nach Aussagen von vielen begeisterten norwegischen Wanderern ein wahres Highlight sein! Da bietet es sich doch an auf eine ganz besondere Art einzutreten, oder nicht? Oder soll ich besser sagen einzu“fahren“?

Das Børgefjell wird auch nicht das einzige Highlight dieser Etappe bleiben. Es folgen noch ungeplante Umwege, wegen nicht mehr vorhandenen Brücken. Herzliche Gastfreundschaft auf dem Hof Tverelvnes (inklusive der bekannten NPL-Boller) und der Einstieg in die Nordlandsruta. Auf der Krutvasshytta treffe ich dann noch einen „alten Hasen“ und etwas weiter wartet das Okstindangebirge mit seinen beindruckenden Gletscherzungen auf mich.

Bis nach Umbukta geht es und ich merke Tag für Tag, dass ich mich immer weiter dem einsamen Norden Norwegens nähere.

Die Reisetagebücher jedes Tages:

Tag 68 / Røyrvik – Børgefjell

Vorbei die Ruhe, auf zur nächsten Etappe und damit hinein in die zweite Hälfte Norge på langs! Nach einer letzten Dusche und einem guten Frühstück in der Røyrvik Gjestegård geht es los Richtung Einstieg zum Børgefjell von der südlichen Seite aus.

Um in diesen Nationalpark zu kommen, gibt es von Süden aus mehrere Möglichkeiten. Da direkt „davor“ der große See Namsvatn liegt, kann man entweder zu Fuß komplett um den See laufen oder man nimmt das dort angebotene Shuttle Motorboot in Anspruch, welches einen auf Bestellung übersetzt. Beides aber keine wirklichen Alternativen für mich… Der Fußweg ist wieder mal von Sumpf überzogen und ohne offizielle Wege (Weglosen Sumpf hatte ich jetzt echt genug!), der fällt also raus! Das Motorboot aber auch, da weiterhin meine einzige Regel für diese Reise gilt… „Alles aus eigener Kraft“. Hmm, was macht man denn da? Ein Glück bietet der Motorboot Betreiber Rolf auch gleichzeitig einen kleinen Kanu- und Kajakverleih an! Mit dem guten Herrn habe ich einen Tag zuvor ausgemacht, dass ein Kajak für mich bereitsteht, wenn ich am See ankomme und das hat soweit auch alles perfekt funktioniert! Rolf ist echt n super Kerl. Wer irgendwann mal dort unterwegs ist sollte ihn kennenlernen!

Also rein in mein neues Gefährt und diesmal die Arme quälen anstatt der Beine. Ich fühle mich wieder ein Jahr zurückversetzt. In den letzten Schweden Urlaub, mit den Kajaks durch die Stockholmer Schärengärten! Wie’s funktioniert ist noch top präsent und so werden die knapp 15 km über den See in 3,5h durchgepaddelt. Ein kleines Abenteuer im großen Abenteuer! Auf dem Weg zur anderen Seite komme ich an kleinen Stränden und großen Wasserfällen vorbei. Vom Wasser aus auch mal eine andere Perspektive, die man sonst nicht sieht. In der Mitte des Sees kommen zwar ein paar größere Wellen auf, da der Wind sich gedreht hat, aber alles halb so wild. Ich bin einfach so froh, dass das so gut geklappt hat! Die Norweger sind einfach unkompliziert, was solche Sachen angeht. Man weiß bis zum Schluss zwar nicht genau wie es funktionieren wird, aber es wird irgendwie funktionieren.

Auf der anderen Seite warten schon zwei Norweger auf mich, die während meiner Fahrt auf meinen Rucksack aufpassen. Den konnte ich nämlich für umsonst auf dem Motorboot mitschicken. Die zwei Jungs wollen am nächsten Tag auf Angeltour gehen und verbringen den Abend und die Nacht an der kleinen Hütte direkt an der Anlegestelle auf der anderen Seite des Sees. Allerdings läuft es bei den beiden alles andere als rund. Der eine hat sich beim Aussteigen aus dem Boot eine üble Zerrung in der Wade zugefügt und tut sich jetzt schwer, überhaupt ein paar Meter zu Laufen. Ich versuche ihm etwas Zuversicht zuzureden, biete ihm die Vielfalt meiner Medizinausrüstung an und zusammen hoffen wir auf eine schnelle Genesung!  Als Dankeschön fürs Aufpassen auf meinen Rucksack spendiere ich, so lieb wie ich bin, eine Runde Bier für alle und schon ist die Stimmung gerettet! Beim Lagerfeuer werden Geschichten ausgetauscht und ich kann auch ein paar Tipps für gute Angelplätze herauslocken! Die werde ich mir gut merken und mein Glück versuchen, wenn ich an den Seen ankomme! Die Warnung der Jungs war nur „bloß keine größeren Fische rausziehen als wir!“. Kann ich nicht garantieren!

PS: Wenn man eine gerade Linie zwischen meinem Startpunkt Lindesnes und dem Nordkapp zieht, liegt der Mittelpunkt Norwegens genau am Namsvatn! Deswegen findet sich dort, an der Anlegestelle, auch das „Halbzeitschild“. Ich war aber erst etwas verwundert wegen den Distanzen… Ich bin doch schon mehr als 851 km gelaufen! Ist aber tatsächlich Luftlinie.

Die Nacht war kurz, denn die frühe Sonne treibt mich schon um 7Uhr aus dem Sauna-Zelt. Bei gefühlten 35 Grad, ist wirklich nicht mehr an schlafen zu denken. Macht aber nix, denn am Lagerfeuer wartet eine Einladung zum Frühstück auf mich! Mit Eiern, Brot und frisch gebratenem Speck! Ja die zwei Jungs machen der norwegischen Gastfreundlichkeit alle Ehre! Meine Alternative wäre wie immer Müsli mit Nüssen gewesen… da sag ich definitiv nicht nein zur herzhaften Alternative!

Danach geht es aber endlich ins heiß ersehnte Børgefjell hinein! Und das bei allerbestem Wetter, was habe ich doch gerade für ein Glück. Zunächst noch etwas sumpfig und mit Büschen verwachsen geht der Pfad stetig nach oben, bis zu einer Flussquerung. Das Ende der offiziellen Wege in diesen Fjell. Ab hier geht es wieder frei Schnauze weiter und das gehört mittlerweile echt zu den besten Sachen an dieser Reise! Den groben Weg habe ich mir gestern Abend schon zusammengestellt, aber im Gegensatz zum letzten Fjell (Blåfjella) ist das navigieren hier noch viel einfacher. Das Laufen ist ab dem Überschreiten der Baumgrenze sehr entspannt! Ein sehr wanderfreundlicher Fjell.

Nach und nach zeigt sich die wahre Schönheit dieser Gegend! Hohe Berge umgeben endlos lange Täler und es läuft sich traumhaft auf dem fast immergrünen Untergrund. Ab und zu komme ich auch an Seen mit Stränden vorbei, die man auch am Mittelmeer finden könnte. Ein wahres Wander El Dorado. Nach 22 km findet sich dann auch wieder ein perfekter Zeltplatz am See mit Ausblick auf die höchsten Berge des Fjells!

Auch hier holt mich die Sonne wieder frühzeitig aus dem Zelt. Man merkt jetzt auch, dass der Sommer in Norwegen eingezogen ist. Die Nächte sind nicht mehr sonderlich kalt. Der Schlafsack bleibt die halbe Nacht offen, da es sonst viel zu warm wäre. Liegt aber auch daran, dass mein Schlafsack für die Minusgrade im hohen Norden ausgelegt ist. Da ich nicht alle paar Monate meine Ausrüstung wechseln will, muss ich mich eben damit arrangieren, dass es die meiste Zeit zu warm ist. Aber besser zu warm als nachts frieren.

Der Tag beginnt wieder bei bestem Wetter, allerdings mit ordentlichem Wind dazu. Das kühlt etwas und hält die Mücken fern, wunderbar! Heute steht der nördliche Teil des Børgefjells und wahrscheinlich auch schon der Abstieg ins Susendal an. So groß ist dieses Fjell nämlich gar nicht und die Route, die ich gehe, ist größtenteils auch eher flach. Somit geht da einiges ohne sich vollkommen zu verausgaben. Es gibt wieder schönste Ausblicke und auf dem grünen Untergrund, der meist aus kleinem Gestrüpp besteht, fallen die tausenden Schritte einfach. Kurz überlege ich, ob ich noch eine weitere Nacht in dem Fjell zelten soll. Ich entscheide mich dann aber dagegen und wage heute schon den Abstieg. Es ist noch nicht spät und das Laufen macht mir heute einfach Spaß. So suche ich mir schnell, im kommenden Tal, einen möglichen Zeltplatz auf der Karte heraus und gehe dann Stück für Stück durch erst lichte und später dichtere Wälder ins Tal. Einfach faszinierend, wie sich die Vegetation alle paar Minuten und Höhenmeter verändert! Innerhalb von 30 Minuten vom baumlosen Fjell in die Wälder hinab. Abschließend zum Børgefjell kann ich nur sagen… wunderschön! Eine so schöne Gegend, die ich absolut empfehlen kann. Von Norden aus ist der Zugang ins Fjell deutlich einfacher, allerding fühlt sich der Zugang vom Süden wie ein Tor in eine andere Welt an. Die natürliche Grenze mit dem Namsvatn hatte etwas Besonderes.

Unten angekommen, führt mich mein Weg noch etwa 6km ins Tal zu einem Platz am Fluss. Aber dann die „tolle“ Überraschung… die haben eine für mich alternativlose Brücke abgerissen! Steht noch n Bagger nebenan aber die Brücke fehlt! Und davor ist nicht mal ein Schild aufgestellt oder die Straße gesperrt! Und der Fluss lässt sich leider nicht furten (hab’s versucht, stand bis zum Hintern im Gletscherwasser…). Ich bin merklich angefressen und meine Laune ist im Keller… Es ist schon 20.30Uhr und der Umweg, den ich jetzt gehen muss, addiert noch mal 5km auf meine eigentlich geplante Strecke drauf. Zusätzlich muss ich den großen Fluss durchs Tal furten… Hatte ich gestern noch von Glück geredet? Dies scheint nun leider aus zu sein. Naja gut, bringt alles nix… So wird das heute eben eine lange Geschichte. Ich mach mir nur leichte Gedanken drüber, dass ich so schnell wie möglich von der Straße runter will. Es wird mittlerweile schon wieder gegen 22Uhr dunkel und ich hasse es, im Dunklen auf befahrenen Straßen gehen zu müssen. Diese Geschichte endet mit dem Furten des großen Flusses in der Dämmerung und einem Zeltplatz der nicht zufälliger und notgedrungener sein könnte. Wobei die Lage am Fluss auch schon wieder hübsch ist! Das Bild ist übrigens vom Tag drauf. An dem Abend der Ankunft war mir alles zu doof, selbst für Bilder. Nach knapp 34km war’s das dann auch für den Tag… Chaos zum Schluss. Aber im Nachhinein lach ich drüber.

Endspurt zur nächsten „Stadt“! Hattfjelldal steht auf dem Programm und das ist heute mit 28km leicht erreichbar. Dachte ich zumindest. Seit ein paar Tagen machen sich Schmerzen im rechten Bein bemerkbar. Insbesondere bei langen, monotonen Schotterwegen und Straßen muss ich alle 3 bis 5 km eine längere Pause einlegen und ich versuche auch regelmäßig einen Bach am Wegesrand zu finden, um meine Füße zu kühlen. Es sind nicht die gleichen Schmerzen wie zu Beginn der Reise, es ist vielmehr ein schmerzhaftes Anstrengungsgefühl, welches sich über das gesamte Bein hinab zieht. Ich versuche mich mit Musik abzulenken und die Kilometer bis Hattfjelldal runterzulaufen. Hoffentlich habe ich mir jetzt nicht schon wieder was Schlimmes angelaufen…

Zum Weg in die Stadt gibt es nichts Besonderes zu berichten.. Allerdings merke ich zusätzlich noch die 34km des Vortags in meinen Beinen und Füßen und die sind gerade beide eher der Meinung „ich hab kein Bock mehr!“. Somit wird der doch etwas langweilige Weg zur ziemlichen Schinderei und ich muss mir selbst hoch und heilig versprechen, dass ich die nächsten Tage lockerer angehen werde. Das ist wirklich notwendig!

Kurz vor der Stadt noch etwas Neues! Ich bin es ja gewohnt, dass die Tiere mir entweder im Pulk folgen oder vor mir herrennen, aber bisher waren das immer nur Schafe und meine Freunde die Muuuuh-Meister. Jetzt kann ich mich auch Pferdeflüsterer nennen!  Das Pferdchen hätte ich echt gerne mitgenommen!


In Hattfjelldal gibt’s im Hotel gibt es dann eine warme Dusche und etwas sündig leckeres zu Essen. Diesmal Pizza, man lebt ja abwechslungsreich! Selbst wenn ich wollte, ich könnte nicht viel mehr über den Tage heute erzählen. Es war zermürbend mich über Schmerzen hinweg die Strecke zu schleppen. Ich hoffe einfach inständig, dass es sich morgen wieder besser läuft.

Falls sich übrigens jemand über die zwei Stadtnamen auf dem Schild von Hattfjelldal wundert… Nach und nach wird der Einfluss der samischen Befölkerung deutlicher. Die etwas befremdlich wirkenden Namen sind daher die samischen Namen der Städte.

Heute halte ich mich dran. Es muss eine entspannte Strecke unter 20km werden, damit meine Beine nicht wieder anfangen zu streiken!

Gestern habe ich für heute noch einen Schlafplatz in Tverrelvsnes klar gemacht. Das ist ein Hof zu Beginn der Nordlandsruta, einem weiteren Weitwanderweg mit mehreren Etappen hier in Norwegen. Der ehemalige Bauernhof wird von einem älteren Ehepaar geführt, welches müden Wanderern gerne einen Platz zum Schlafen bieten. An der Stelle „Danke“ an Martin Kettler, der mich zufällig noch mal drauf aufmerksam gemacht hat, dass man dort unterkommen kann!

Der Weg dorthin ist wieder sehr straßenlastig und zeitlich auch eher ein Wettrennen gegen das Wetter. Gegen 16Uhr ist für den Rest des Tages Dauerregen mit Sturm angekündigt und das muss nicht unbedingt sein! Die letzte Nacht muss ich wohl besonders erholsam geschlafen haben, denn heute geht das Laufen schon wieder deutlich besser! Die schmerzenden Füße der letzten Tage haben Redeverbot und halten sich sogar auch dran. Zwischenzeitlich zeigt das Wetter immer wieder, was es heute noch so vor hat, aber im Großen und Ganzen bleibt es ein schöner Lauftag. Zum Mittag gibt’s dann noch meinen selfmade Burger to go. Ich habe mich vollkommen in diese kleinen Polarbrot Fladen verliebt. Die sind halbwegs haltbar und zusammen mit etwas Salami und Käse bekomme ich eine dringend Notwendige Abwechslung zu Nüssen und Schokolade.

Schon um 15.00 Uhr komme ich in Tverrelvsnes an und werde direkt von Elisabeth begrüßt. Sie freut sich sichtlich, dass Sie mit mir (etwas) Norwegisch reden kann. Sie hat keinen so starken Dialekt und somit kann ich Sie gut verstehen und es reicht für erheblich mehr als nur Hallo und Co. Sie zeigt mir auch gleich die Hütte, in der ich heute schlafen werde (Spoiler: die gehört mal wieder ganz alleine mir) und lädt mich auch gleich noch zum Abendessen um 18.00Uhr im Haupthaus ein. Es wird die bekannten NPL-Boller geben. Ein Gebäck, welches Sie extra und ausschließlich für Norge på langs Wanderer macht und schon zu einer Bekanntheit geworden ist. Was ein herzliches Willkommen!

Wir sitzen lange zusammen und ich schaffe es den ganzen Abend auf Norwegisch zu sprechen! Bis auf ein paar Nachfragen, was das ein oder andere Wort auf Norwegisch heißt. Aber das gehört doch dazu und so lernt man andere Sprachen. Was das angeht, bin ich unheimlich stolz auf mich selbst. Ich nutze mittlerweile jede Gelegenheit, um Norwegisch zu üben. Aus dem anfänglichen Gestottere ist wirklich etwas brauchbares geworden. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich in der Sprache so wiederfinde. Das fühlt sich toll an und die Menschen hier sind immer so überrascht, dass jemand ihre Sprache sprechen möchte. Insbesondere diejenigen, die kein oder nur schlecht englisch können! Meist werde ich schnell gefragt, ob ich denn in Norwegen wohne? Ne, ich habe nur eine Menge Zeit zum Lernen und keine Angst was zu sabbeln was vielleicht nicht 100% richtig ist.

Die beiden erzählen mir von der Zeit früher, als sie noch Kühe auf dem Hof hatten und wie sich alles dann zur Herberge für Wanderer entwickelt hat. Die großen Wanderwege werden immer populärer und damit kommen auch immer mehr Menschen mit verschiedenster Nationalität vorbei. Das freut die beiden sichtlich und ich finde das einfach sehr schön wie die beiden damit noch aktiv am Leben teilnehmen und anderen eine große Freude und Erleichterung bereiten. Ein wirklich herzlicher Ort hier!

Ab Morgen bin ich dann also auf der Nordlandsruta unterwegs! Eine große Fernwanderung innerhalb einer riesigen Fernwanderung. Aber erst mal den Abend in meiner Hütte genießen.

In den gemütlichen Hütten lässt es sich immer so schön ausschlafen! Ich habe gestern Abend schon bei Elisabeth und Gunder angekündigt, dass ich heute nicht der frühe Vogel sein werde und das soll auch kein Problem sein.

Bevor ich wieder auf Tour gehe, verabschiede ich mich noch von den beiden und danke ihnen nochmals für die Großzügigkeit, welche ich hier niemals als selbstverständlich ansehen will. Elisabeth begleitet mich dann sogar über den Hof bis es schließlich wieder in die kleinen Wanderpfade geht. Wie lieb von ihr.

Heute steht als Ziel die Krutvasshytta auf dem Plan und die liegt gut 22km entfernt. Der Weg dahin entpuppt sich dann als einer der schönsten und angenehmsten Wege, die ich seit langen gegangen bin! Über endlos weites Fjell geht es auf überwiegend festen und fast ebenen Untergrund über die Berge… traumhaft mit den Ausblicken! Man merkt auch stark die Rentiere Präsenz hier in den Gebieten, denn an den Wegweisern wird schon fleißig Geweihe gesammelt. Man merkt aber auch sehr, dass es so langsam in den hohen Norden geht. Nicht an der Temperatur oder anderen offensichtlichen Dingen… es ist eher ein Anflug von Abgeschiedenheit, welcher sich immer mehr anschleicht. Empfang ist hier nun Mangelware und man hat fast das Gefühl, dass diese Gegenden immer noch abgeschnitten sind von den eher belebteren Fjordregionen Norwegens. Aber das Gefühl der Abgeschiedenheit ist kein schlechtes, ich spüre, dass da eine große Veränderung auf mich zu kommt. Die bald folgenden Regionen sollen mitunter die schönsten in ganz Norwegen sein. Sofern man den Damen und Herren glaubt, die schon dort waren. Ich freu mich drauf!

Am Krutvassvatn angekommen, zieht sich noch ein kleines Stück Straße um den See herum und dann endet die Runde für heute wieder an einer urgemütlichen Holzhütte. Die Krutvasshytta.

Was macht man, wenn der Wetterfrosch sagt es soll schütten und stürmen? Richtig, man bleibt in der warmen und gemütlichen Hütte, in der man gerade ist.

Ja, die Entscheidung habe ich gestern Abend schon gefällt und heute Morgen auch nicht weiter drüber nachgedacht. Ich habe die Zeit und muss nicht hetzen, also genieße ich heute die Ruhe. Bis dann um 13 Uhr ein Schweizer durch die Tür der Hütte kommt.

Martin, endlich trifft man sich! Wir sind schon länger in Kontakt und zusammen haben wir jetzt an diesem Punkt Norge på langs komplett gelaufen. Er den Norden, ich den Süden. Könnte man ja einfach aufhören, hm?! Niemals! Über den Tag und den Abend hinweg folgen viele wundervolle Gespräche und ich bin so froh das ich mich für den Ruhetag entschieden habe. Andernfalls hätten wir uns vermutlich nur schnell, bei miserablem Wetter, im Fjell die Hände geschüttelt. So sitzen wir bei Bier und Schokolade im Warmen. Könnte nicht besser sein!

Hier nun alles aufzuführen, über was wir gesprochen haben, würde den Rahmen sprengen und auch nicht dem Sinn dieses Blogs entsprechen. Deshalb behalte ich diesen Tag einfach in besonderer Erinnerung und schweige. Danke Martin, es war einfach schön!

Vorbei die Ruhe und wieder hinein ins Vergnügen! Martin und ich haben uns auf einen frühen Start geeinigt, da für heute, zumindest mal bis zum Nachmittag hin, schönes Wetter angekündigt ist. Also fallen wir beide um 7Uhr aus dem Bett und quatschen während dem Frühstück noch so lange bis sich dann schließlich die Sonne blicken lässt. Beste Aussichten für einen tollen Wandertag!

Nachdem alles gepackt und wieder abmarschbereit ist, heißt es Abschied nehmen. Ab jetzt gehen wir nicht mehr aufeinander zu, sondern in schnellen Schritten voneinander weg. Schon faszinierend, wenn man so drüber nachdenkt. Dieser eine, irgendwie willkürliche Punkt, an dem sich zwei so lange Reisen treffen und dann wieder auseinander gehen. Aber genug Philosophie, es will wieder gelaufen werden!

Schnell geht es hinauf ins Fjell und die Aussichten sind zusammen mit dem Wetter hervorragend! Bis zum Nachmittag hin hält sich die Sonne auch wacker, aber dann geht’s oben im Fjell ganz schön los… Gut das ich mich heute für eine Nacht im Zelt entschieden habe. Schon patschnass vom horizontalen Regen baue ich das Zelt auf und muss mich ständig drauf konzentrieren, dass mir das Zelt nicht wegfliegt und der Rucksackinhalt trocken bleibt. Multitasking ist normalerweise ja mal so überhaupt nicht meins… wie soll ich das bitte hinbekommen?  Mit Müh und Not bleibt wenigstens der Schlafsack trocken, sodass ich mich direkt ins warme kuscheln und dem regnerischen Treiben da draußen zuschauen kann. Allgemein zeigt sich das Wetter mittlerweile deutlich wechselhafter. Regen kann extrem lokal fallen und 300m weiter scheint die Sonne. Also nicht wundern, wenn da Bilder mit Sonne kommen und ich schreibe, dass Sauwetter war. Das stimmt schon so.

Es kommt dazu, dass ich immer mehr Norge på langs‘ler in Ihrer Nord nach Süd Tour treffe. Heute auch wieder zwei mit Hund. Ich wünschte immer, dass man sich bei weniger Regen und Sturm treffen würde, da sich so die Unterhaltung auf das Mindeste reduzieren. Ich liebe die Geschichten die jeder zu erzählen hat… Damit sollte man eigentlich jedes Mal einen Hüttenabend verbringen! Das würde aber wohl dazu führen, dass ich nie am Nordkap ankommen werde. So wünscht man sich meist ein ehrliches „god tur videre!“ und folgt seinem Weg.

Die Nacht war glücklicherweise ruhig, da der Sturm sich gestern Abend nach und nach zu einem Lüftchen reduziert hat. Allerdings fällt es mir heute Morgen extrem schwer mit dem Campabbau zu beginnen und überhaupt irgendwie in die Gänge zu kommen… Es ist schon 9.30Uhr, als ich mich dazu aufraffen kann ein Frühstück zu starten. Bis ich dann damit anfange das Zelt abzubauen ist schon 10.30Uhr. Ich weiß auch nicht warum, aber es gibt Tage an denen fällt es einfach schwer. Heute Morgen wäre mir ein gedeckter Frühstückstisch mit Übergang zum Ganztagesgrillen auf der Terasse echt deutlich lieber gewesen. Das wartet hier im Fjell leider nicht auf mich (falls wer doch weiß wo, bitte melden!!). Trotzdem, dass ich hier das tue, was ich liebe und ich fast täglich in einem Paradies von Landschaften bin, es gibt auch weniger gute Tage… Kämpfertage. Heute ist so einer.

Als dann endlich alles verstaut und der Kerl angezogen ist, geht es wieder etwas besser. Heute stehen auch nur 16km auf dem Plan. Auf Empfehlung hin werde ich mir diese Nacht ein wenig Luxus gönnen und zum Steikvasselv gård laufen. Zu Håkon und Kari, die, ähnlich wie in Tverrelvsnes, einen Teil ihres Hofs für Wanderer vermieten.

Eigentlich dachte ich, ich hätte Trøndelag mit seinen Sümpfen verlassen… aber heute will der Boden mich komplett fressen! Mehr als nur einmal machts „schwupp“ und das Bein verschwindet bis übers Knie. Ist ja schön, dass ich zum Anbeißen lecker scheine, aber jedes Mal ohne Vorwarnung ist das schon etwas persönlich. Vermutlich wusste mein Kopf heute Morgen schon, was auf mich wartet. Deswegen war ich so träge! Nach dem dritten Mal Einsinken kann ich mich nicht mehr halten und muss aus dem Nichts heraus so dermaßen anfangen mit lachen. Bestimmt 10 Minuten lang bleibe ich stehen und kann nicht mehr damit aufhören. Ich denke mir „Solange der Humor noch da ist, ist doch alles gut“ und habe meine gute Laune für den Rest des Tages wieder gefunden! Etwas fragwürdig, warum es dazu n hungriges Moor und n paar eingesaute Schuhe braucht.

Über bekannt spannende Brückenkonstruktionen und ein Stückchen Straße komme ich dann um 16Uhr am Steikvasselv Hof an und kläre kurz am Telefon mit Håkon ab, wie und wo ich für die Nacht unterkommen kann. Die beiden sind gerade in Mosjøen bei Freunden zu Besuch. Aber selbst das hält Håkon nicht davon ab später auf dem Hof vorbeizukommen, um mich persönlich zu begrüßen! Was für unglaublich nette Menschen mal wieder.

Wir quatschen zusammen über die Geschichte des Hofs und Håkon erzählt mir davon, wie sie einst eine ganze Großfamilie aus der Ukraine aufgenommen hatten als diese geflüchtet sind. Hilfsbereitschaft durch und durch, einfach beeindruckend wie hier oft alles geteilt wird und man auch auf den Nächsten aufpasst! Den Rest des Abends verbringe ich an meinem neuen Lieblingsplatz, schaukelnd vor dem Kaminfeuer. Alt werden kann so schön sein.

Wenn ich den Tag heute in wenigen Worten beschreiben müsste… unfassbar schön!

Von Steikvasselv aus ging es zuerst steil nach oben und damit zurück auf die Nordlandsruta. Und dann der Moment, als es über den Gipfel ging und der Blick ins Spjeltfjelldalen und damit auch auf das Okstindan Gebirge frei wurde… ein magischer Moment und ein noch viel magischerer Ort hier in Norwegen! Das Tal besteht am Grund aus reinem Moor und ist deswegen nur erhöht auf der einen Bergseite begehbar. Das macht aber nichts, da so auch einfach die besten Aussichten auf das Gebirge und die Gletscher möglich sind. Bei allerbestem Wetter.

Vorbei geht es später dann an der luxuriösen Gressvasshytta (die Hütten werden so langsam echt nobel…). Allerdings ist hier heute noch nicht Schluss, denn es steht noch ein großes Highlight an! Hier habe ich die Chance einem Gletscher so nahe zu kommen wie es nur irgendwie geht! Es geht deswegen direkt weiter zum Okstindbreen, dem Ausläufer des Okstindan Gletschers, welcher am weitesten mach unten reicht und zu Fuß erreichbar ist.

Und dann der Moment als der Blick auf diesen frei wird… unglaublich! Sowas sieht man nicht alle Tage und die schiere Größe des Gletschers verbreitet schon absolute Ehrfurcht vor so einem Naturphänomen! Ein eiskalter Wind stürmt über das Tal und. eingepackt in die wärmsten Klamotten. geht es bis direkt an den Gletscher heran. Ich bin überglücklich, dass das Wetter, die Zeit und meine Energie mitgespielt haben und dieser Moment möglich wurde. Gerade hier und jetzt ist das der schönste Ort auf Erden!

Nach 31km findet sich dann noch ein Zeltplatz an bester Stelle mit gratis Sonnenuntergang für mich alleine. Es wird zwar eine recht stürmische Nacht werden, aber das ist es allemal wert. Ein Tag an dem alles passt, das habe ich gebraucht und heute auch bekommen.

Die Nacht war die bisher stürmischste und hat mein Zelt so richtig schön durchgerüttelt. Dadurch kam leider auch etwas wenig Schlaf zusammen…

Aber das macht nix, da sich letzte Nacht zum ersten Mal, ganz leicht, ein anderes tolles Phänomen gezeigt hat, Nordlichter. Zwar ist es jetzt gerade nachts noch viel zu hell, um wirklich ordentliche Polarlichter zu sehen und auf den Bildern kommen die ja auch bekanntlich immer sehr viel stärker rüber als das Auge es sieht, aber es zeigt mir schon so ein bisschen was noch auf mich wartet. Noch ein paar Wochen und dann lohnt es sich wirklich nachts Ausschau zu halten, wenn der Himmel wolkenfrei ist!

Auf Wiedersehen Okstindan und auf geht’s in Richtung Umbukta, dem Ziel meiner 9. Etappe. Und wer jetzt denkt „oh schön, da kommt der Kerl wieder in eine Stadt!“ … ne, hier ist nix mit Stadt! Alles was Umbukta zu bieten hat ist eine urige Fjellstue, aber die ist bei den Norge på Langs Wanderern fast schon zur Pflicht Anlegestelle geworden. Geführt von Thor Inge, welcher selbst schon 3 Mal Norge på langs komplettiert hat. Hier kommt man sich als Irrer der durchs ganze Land streunert also gleich mal gut verstanden vor.

Ein toller Zufall ist dann noch das Treffen mit zwei weiteren Deutschen, welche ihr ganz eigenes Norge på langs laufen und gerade ebenfalls in Umbukta sind. An den entlegensten Orten trifft man seine Landsleute dann doch wieder. Wir sitzen eine ganze Weile zusammen und tauschen bei Bier und Burgern unsere bisherigen Geschichten und zukünftigen Pläne aus. Wie es ausschaut, werden wir uns auch im Fjell noch über den Weg laufen! Da freu ich mich drauf.

Morgen wird es aber erstmal einen Ruhetag geben und wie es aussieht werde ich diesen in der nächstgelegenen Stadt Mo i Rana verbringen. Ich habe solche Lust mich mal einen Tag durch alles gute Essen der Stadt durchzufuttern und nicht wie immer beim Burger hängen zu bleiben! Ich denke den kleinen Abstecher habe ich mir verdient und es schadet ja auch nicht nochmal etwas am Proviant für die nächste Etappe zu feilen.

Ein entspannter Ruhetag abseits von den Wanderwegen.

Glücklicherweise ist der Besitzer der Fjellstue heute auch da, Thor Inge, 3 maliger Norge på langs Läufer! Der Kerl ist schon zu Fuß, auf Ski und aufm Rad durch ganz Norwegen getourt… Wahbsinnskerl! Mit ihm sitze ich noch lange über seinen damaligen Karten und zusammen studieren wir den weiteren Weg und tauschen und über Wege, Geschichten und Hütten aus. Eine wundervolle Gelegenheit über die ich sehr sehr froh bin, denn von den alten Hasen kann man einfach so vieles lernen.

Wir reden aber auch über die Zukunft der Umbukta Fjellstue und da wird sich wahrscheinlich vieles ändern. Thor Inge wird Sie verkaufen, da seine Tochter es nicht übernehmen möchte… was ich auch verstehen kann, da die ganze Sache wohl nur funktioniert wenn man auch dort wohnt! So ist die Zukunft dieses Ortes und die Besonderheit, die er für uns Weitwanderer darstellt, sehr ungewiss. Ich hoffe einfach, dass noch viele weitere NPLer die Chance haben das hier zu erleben!

Für den Rest des Tages habe ich mich dazu entschieden  in die Stadt Mo i Rana zu trampen und dort den Tag mit einkaufen, essen und einfach nur durch die Stadt latschen zu verbringen. Interessant ist die Statue am Hafen, der Havmannen. Steht da n paar Meter vor einem und zeigt seinen blanken Hintern. Gut, ich würde auch eher auf das Wasser hinausschauen, wenn ich dort stehen müsste aber trotzdem etwas komisch.

Viel mehr gibt es auch wirklich nicht zu berichten. Am Abend wird dann noch der Rucksack in seiner wiedererlangten Fülle gepackt (das wird wieder eine Schlepperei die ersten Tage), die Schuhe gewachst und sonst alles bereit gestellt für die Weiterreise morgen.

… bleiben mir von dieser Etappe zwei Dinge im Gedächtnis. Zum Einen das sehr tiefgründige Gespräch mit Martin auf der Krutvasshytta und zum Anderen die imposante Schönheit des Gleschers am Okstindan.

Sich mit Menschen zu unterhalten, mit welchen man die selbe, tiefe Faszination für große Abenteuer teilt, verändert etwas in einem. Zuhause habe ich wohl einige Menschen um mich, welche mit großem Interesse meine Reise verfolgen aber um wirklich tief in die persönlichen Herausforderungen, Hoch- und Tiefpunkte einzutauchen, braucht es jemanden der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Ich habe nach dem Treffen noch lange über unsere Geschichten nachgedacht und bis heute bin ich sehr froh darüber, dass dieses Treffen stattgefunden hat und wir auch reichlich gemeinsame Zeit auf der Krutvasshytta hatten. Danke Martin!

In direkter Nähe zum Okstindangletscher zu stehen, war ein Moment der Sprachlosigkeit und Ehrfurcht. Alleine schon der Weg dorthin, die stetig sinkenden Temperaturen und der auffrischende Wind haben mir das Gefühl vermittelt, etwas wirklich Großem nahezukommen. Wer weiß, wie lange wir noch solche Natur-phänomene bewundern dürfen. Bei allem Fortschritt, welcher in so kurzer Zeit geschieht, schätze ich es sehr, innezuhalten und das zu bewundern, was gefühlt schon immer da war. So wurde mein Zeltplatz in direkter Nähe auch zum „Titelbild“ meiner gesamten Reise. Eines der wenigen Bilder, welches wirklich die Weite und Freiheit von Norwegen zeigt… und meinen Platz darin.

Gänsehautfeeling

Die gesamte Route auf einen Blick:

Falls Interesse an .gpx Dateien meiner Route besteht, gerne per Kontaktformular melden. Ich helfe gerne weiter 🙂

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