Ich habe während dieser Reise schon einige davon überschritten, aber einer davon hat eine besondere, fast schon magische Anziehungskraft. Die Rede ist von 66° Nord. Der nördliche Polarkreis. In dieser Etappe werde ich ihn überschreiten. Der symbolische Wert dieser „Überschreitung“ ist für mich immens, sowohl in Bezug auf den Fortschritt der Reise, als auch rein emotional. Dieser an sich so unbedeutende Ort, mitten im Nirgendwo, wird zum Schauplatz von überwältigenden Gefühlen. Ich realisiere wohl zum ersten Mal, wirklich und ehrlich, was ich bereits geschafft habe und es kommt Zuversicht auf. Die Zuversicht, dass das alles hier machbar ist.
Aus einem größtenteils unerfahrenen Fernwanderneuling ist jemand geworden, der das Ziel vor Augen hat. Durch alle bereits bestandenen Herausforderungen und das stets steigende Selbstvertrauen, werden die stillen Zweifel weniger. Allerdings liegt nach wie vor noch ein weiter Weg vor mir und ich fühle, dass ewas nach mir ruft. Der hohe Norden. Alle weiteren Wege befinden sich nun nördlich des Polarkreises!
Die 10. Etappe führt mich von Umbukta nach Sulitjelma und fordert wettertechnisch einiges von mir ab. Sie führt mich, entlang der Telegrafrute, vorbei an Relikten der Vergangenheit und durch den Junkerdal nasjonalpark mit seiner einzigartigen Lage. Eine Überraschung hält diese Etappe auch noch für mich bereit. Ein Wiedersehen mit einem vertrauten Gleichgesinnten… Wie „klein“ Norwegen doch sein kann.
Die Reisetagebücher jedes Tages:
Tag 80 / Umbukta – Sauvasshytta
Ein langer Abschied von einem besonderen Ort! Da die Wettervorhersage für heute erst ab 12 Uhr halbwegs passables Wetter ankündigt, habe ich kein Problem damit, es mir noch eine Weile in der Umbukta Fjellstue gemütlich zu machen.
Nach vielen Gesprächen, dutzenden Kaffees und einer finalen Waffel geht es dann, um 12.30 Uhr, auf den weiteren Weg. Der Abschied fällt mir diesmal sehr schwer. Diese besonderen Abschiede gibt es hier zuhauf, aber es fällt mir immer wieder schwer, den herzlichen Menschen ein letztes Mal zuzuwinken. Spätestens als Maria, die gute Seele der Umbukta Fjellstue, mich dann in den Arm nimmt und sagt „I will miss you!“, fließen die Tränen. Es war wirklich schön hier, von der ersten bis zur letzten Minute.
Heute stehen nicht viele Kilometer auf dem Plan. Nur 12 km bis zu mr nächsten Hütte, der Sauvasshytta und die liegt in maximal abgelegener Lage, mitten in den felsigen Bergen! Mir wurde schon erzählt, dass es sich bei der Hütte um eine der schicksten DNT-Hütten überhaupt handelt und das lass ich mir nicht entgehen.
Es geht über etliche Höhenmeter hinauf ins Fjell und das hat heute eine besonders mystische Stimmung. Tiefhängende Wolken ziehen rasch durch die Täler und geben nur nach und nach den Blick auf die felsigen Riesen frei. So fühlt sich Norwegen an. Die Gipfel sind im Nebel verborgen und man kann nur erahnen was dahinter auf einen wartet. Und dann kommt eine der „speziellsten“ Brücken bisher! Wer auch immer der Meinung war, dass das eine sichere Flussüberquerung ermöglicht… keine Ahnung was der gedacht hat! Aber hier geht es ja um Abenteuer. Also balanciere ich in kleinen Schritten über die Brücke (oder sollte ich besser sagen übers Gleis?!) und hoffe, dass sie wenigstens noch mich aushält.
Die Sauvasshytta macht dann schon von Weitem auf sich aufmerksam. Sie steht auf einem Plateau, welches man schon von einigen Kilometern Entfernung aus erkennen kann. Dort angekommen folgt dann wirklich die Überraschung… das ist keine Hütte, das ist ein 5 Sterne Ferienhaus! Sowas nobles als „Hütte“ habe ich selten gesehen. Und das in ziemlicher Einsamkeit! Ein perfekter Ort, um es sich einen Abend lang richtig gut gehen zu lassen!
Aber warte, auf dem Tisch in der Haupthütte liegt ein handgeschriebener Zettel mit der Nachricht „Bin gerade Kräuter sammeln, komme später zurück“ auf Englisch. Daneben liegen mehrere Phiolen mit anscheinend selbst hergestellten Duftproben. Zunächst erschließt sich mir nicht, was hier genau Sache ist und ein etwas mulmigen Gefühl macht sich in mir breit. Es ist schon spät Abends und die Sonne bereits am Untergehen. Ist da wirklich noch jemand draußen im Fjell unterwegs und sammelt Kräuter? Auch im Laufe der frühen Nacht bleibe ich einziger Besucher der Hütte und es kommt niemand anderes mehr dazu. Ich beginne mir etwas Sorgen zu machen und überlege wie ich mit der Situation umgehen soll. Vor dem Eintreten der vollständigen Dunkelheit, versuche ich noch kurz mein Glück beim Angeln im benachbarten See und halte derweil Ausschau nach Bewegung und Lichtern in der Umgebung, erkenne aber nichts. Da ich mich selbst in deutliche Gefahr bringen würde, wenn ich jetzt auch noch ins Fjell losziehe, entscheide ich mich dazu die Fenster der Hütte mit einigen Lichtern zu bestücken und damit auf die Lage der Hütte in der Dunkelheit aufmerksam zu machen. Anschließend lege ich mich Schlafen… allerdings nur so halb, denn ich kann nicht aufhören, auf mögliche Bewegungen und Geräusche von draußen zu achten. Einen ruhigen Hüttenabend habe ich mir anders vorgestellt.
Tag 81 / Sauvasshytta - Kvitsteindalstunet
Es folgte eine stürmische Nacht. Mehrmals knallen Windböen an die Hütte und hinterlassen ein weiterhin mulmiges Gefühl. Die Hütte wird ja nicht genau dann abheben, wenn ich drin bin. Und was ist mit der Kräutersammlerin? Auch am nächsten Morgen noch kein Zeichen von ihr. Aber dann fällt mir etwas ein! Jeder Gast, welcher die DNT-Hütten nutzt, ist dazu verpflichtet sich in das Hüttenbuch einzutragen und dort auch die genauen Daten des Aufenthalts zu nennen. Sofort vergleiche ich die eingetragenen Namen mit dem Namen auf der Nachricht und dann folgt die Erleichterung… Die Nachricht auf dem Tisch liegt wohl schon länger dort, denn die Autorin ist laut Hüttenbuch bereits vor 5 Tagen abgereist, nach Umbukta. Also Entwarnung, zum Glück! In den folgenden Tagen werde ich dann noch erfahren, dass gerade Kulturwochen in Bodø sind und, im Zuge dessen, einige kreative Menschen mit Ihrem Handwerk durchs Fjell ziehen. Schade! Wäre ich ein paar Tage früher auf der Sauvasshytta gewesen, hätte ich etwas über die Herstellung von Duftdestillaten lernen können! Allerdings freue ich mich gerade mehr darüber, dass es hier jetzt keinen Notfall gibt.
Als dann der Wind gegen 10 Uhr etwas nachlässt, wird es Zeit, mich auf den Weg zur nächsten Hütte zu machen. Die nächste Zeit werde ich auch komplett über Hütten gehen, da diese gerade einfach hervorragen liegen, es nicht viel kostet und die Gemütlichkeit im Fjell viel Wert ist! Weiter oben im Norden werden noch genug Passagen kommen, in denen ich mich rein auf mein Zelt verlassen muss.
Norwegen scheint sich heute nicht so ganz entscheiden zu können, was es anstellen will! Regensachen an oder aus? Das ist hier die Frage… die ich mir alle 10 Minuten aufs Neue stellen darf. Pünktlich zur Ankunft an der 17km entfernten Kvitsteindalstunet (tolles Wort, übersetzt sowas wie „Garten im Tal der weißen Steine“) klart dann aber noch der Himmel auf und der Abend wird einfach wunderschön. Inklusive dem schönstem Doppelregenbogen! Vielleicht sogar der Erste den ich je gesehen habe?!
Und was ein Glück, dass heute Samstag ist! Da treibts immer viele Norweger ins Fjell und auf die Hütten und so treffe ich in der Hütte auf 8 andere…. Richtige Party hier! Scheinbar bin ich auch echt ein sympathisch Kerl (trotz meines Landstreicher Looks) und werde direkt auf Kaffee, Abendessen und Rotwein eingeladen! Was ein Traum! Selbstgemachtes Rentiergulasch mit Pilzen, Kartoffeln, Gemüse und danach noch eine Käseplatte mit Snacks und allem drum und dran! Wie macht man einen Weitwanderer glücklich? Man gebe ihm Essen, viiieeel Essen!
Es wird ein wunderbarer Abend mit vielen tollen Begegnungen, Gesprächen und einer Menge Lachen. Ich könnte nicht zufriedener ins Bett gehen als jetzt!
Tag 82 / Kvitsteindalstunet - Virvasshytta
Es ist schon was anderes, in einer Hütte mit vielen anderen zu übernachten. Insbesondere morgens kann man von ausgehen, dass irgendjemand es für passend hält, schon um 6 Uhr seinen Kaffee kochen zu müssen und dabei, mehr oder weniger freiwillig, ALLE Töpfe der Küche benutzt. Naja gut, also kein Ausschlafen, sondern wieder brav großartige Sachen von anderen schmarotzen. So wird mein Rucksack echt nicht leichter und ich befürchte bei Ende dieser Etappe noch die Hälfte an Essen drin zu haben. Aber man sagt ja nicht nein, wenn man zu allem eingeladen wird.
Gegen 9Uhr kommt dann langsam die Aufbruchstimmung und es wird sich fleißig von möglichst allen verabschiedet. Die kurze Zeit in der Kvitsteindalstunet war wirklich schön und ich habe die Gesellschaft sehr genossen. Vielleicht sieht man sich noch mal im Leben!
Weiter geht es durch eine Mischung aus Fjell und Sumpf… ja der Sumpf schlägt hier doch nochmal zu und schluckt wieder fleißig meine Schuhe. Allerdings hält sich das neue Paar doch hervorragend trocken, ich bin begeistert! Eventuell bringt aber auch einfach das exzessive Wachsen, alle 3 Tage, etwas… wer weiß?!
Auf dem Weg zur nächsten Hütte versuche ich mich dann noch als Aushilfsrentier. Ich muss sagen, so ein Geweih steht mir doch auch gut! Ich war kurz davor, es mir an die Birne zu kleben. Es hätte dann nur das Pendant der anderen Seite gefehlt. Und nein, den Plan mir dazu noch eine blutrote Nase zu schlagen, hatte ich nicht.
Auch die nächste Hütte, die Virvass, gibt wieder alles wenn’s um Luxus geht. Noch nie in meinem Leben habe ich so ein dermaßen großes Sofa gesehen wie da drin! Ihr müsst euch vorstellen, dass die meisten dieser Hütten wirklich weit ab vom Schuss liegen und man oft 10 oder mehr Kilometer über teils unwegsame Wanderwege gehen muss um an so einer Hütte anzukommen… das ist schon faszinierend, was der norwegische Wanderverein dort möglich macht! Oder IKEA… wer weiß?!
Die Virvasshytta liegt direkt an einem See, welcher für seinen Fischreichtum bekannt ist. So verbringe ich den Abend mit meiner Angelschnur und dem kleinen Köderset und versuche fleißig mein Glück. Aus Gewichts- und Platzgründen habe ich keine vollwertige Angel dabei und muss mich deshalb mit der rudimentärsten Art des Angelns durchschlagen… Pose, Blei , Köder und Haken an der Schnur befestigen und alles mit einem gefühlvollen Wurf möglichst weit in den See hinein befördern. Meinen nicht vorhandenen Erfolg am heutigen Tag schiebe ich auf eine noch beginnende Lernkurve und erinnere mich kurz an die Bitte der zwei Angler vom Namsvatn… „fang bloß keine größeren Fische als wir!“… Kein Ding, bis jetzt fang ich einfach gar nix!
Tag 83 / Virvasshytta - Bolnahytta
Heute geht es, etwas ausgeschlafener als gestern (böser Rotwein!), weiter in Richtung Bolna und damit immer näher an einen weiteren Meilenstein dieser Reise.
Was genau das sein wird, verrate ich euch aber noch nicht. Das wird wieder eine kleine Überraschung werden! Nur ein kleiner Tipp vorab: Ich habe schon viele überschritten, aber der nächste ist (fast) einmalig! Wenn ihrs wisst, behaltet es für euch, zumindest bis morgen.
Heute zeigt sich das nordische Fjell von seiner besten aber auch launischsten Seite! Unglaubliche Weite bis an den Horizont! Allerdings mit einem heftigen Seitenwind, welcher, in Kombination mit einem dicken Rucksack auf dem Buckel, echt zum Balanceakt wird. Am Ende des Tages merke ich es in der gesamten rechten Körperhälfte. Da hat den ganzen Tag lang etwas gedrückt. Der heftige Wind sorgt minütlich für einen Wetterwechsel. Zwischen Sonne und Regen ist wirklich alles vorhanden, inklusiver kurzer !Schnee!-Schauer.
Gerade liebe ich es, mich zwischendurch einfach mitten ins Fjell zu setzen und für einige Zeit die Blicke und Gedanken schweifen zu lassen. In mir kommt dabei immer ein starkes Gefühl von innerer Ruhe und Zufriedenheit auf… viele der Orte, an denen ich verweile, verlangen einiges an Willenskraft, physisch wie psychisch. Sie geben aber so vieles zurück, wenn man es wagt sie zu erreichen. Mut und Entdeckerdrang wird hier in Norwegen auf eine Weise belohnt, die es nicht oft gibt. Kilometer für Kilometer schreite ich über das leere und doch so lebendige Fjell und kann heute gar nicht genug davon bekommen.
Zum Ende hin, treibt mich eine hartnäckige Regenfront in die Bolnahytta, oder besser gesagt, ins Bolna Dorf! Das ist diesmal nämlich schon fast eine Hüttensiedlung.
Und eine Sache will ich euch unbedingt zeigen… DIE beste Erfindung seit im Regen gewandert wird! Was aussieht wie ein Oktopus-Radio, das meine Schuhe frisst, föhnt gerade fleißig meine Wanderschuhe von innen und sorgt dafür, dass die morgen früh wieder knusprig trocken und warm sind… Ein Fest für die Füße! Meine Damen und Herren… der Schuh-Föhn! Made in Norway… vermutlich nicht, aber naja.
Tag 84 / Polarsirkel
Es ist es so weit. Nur 10km entfernt von der Bolnahytta, steht mitten im Fjell ein unscheinbares Holztor neben einer kleinen Hütte… Ins Holz des Torbogens graviert steht in großen Buchstaben ein Titel, der dieses Tor zu einem so unsagbar wichtigen Zwischenziel für mich macht…
„Polarsirkel“ – Der nördliche Polarkreis.
Schon von Weitem entdecke ich das Tor und gehe plötzlich langsamer. Ich überlege, ob ich bereit dazu bin dort hindurchzugehen. Ich überlege, warum überhaupt ein so schlichtes Holztor etwas so Besonderes darstellen soll?! Es ist die Symbolik die es inne trägt… für diese Reise. Meine Reise und deren Fortschritt… immer weiter gen Norden! Eine Reise, welche schon lange nicht mehr nur aus dem Sammeln von Kilometern besteht. Eine Reise die mich nicht nur nach Norden, sondern auch zu mir selbst führt.
Ich hadere mit den letzten Schritten, aber dann… ich bin durch! Begonnen bei Breitengrad 58 Nord in Lindesnes und nun an Breitengrad 66 Nord vorbei. Das sind bisher schon 8 Breitengrade dieser Erde! Ich kann es kaum fassen und der Moment überwältigt mich grenzenlos. Rotz und Wasser heulend sitze ich allein vor der kleinen Hütte im Fjell. Das Wetter ist so bescheiden wie es nur sein könnte und doch ist der Moment einfach nur perfekt! Ich bin überglücklich, dass es eben nicht nur einer dieser „ich hake es dann mal ab“ Momente geworden ist, sondern die volle Ladung Emotion! Ein Teil von mir hat wohl nie ganz daran geglaubt, dass ich es wirklich so weit schaffen würde. Und doch stehe ich jetzt hier…
Lange Zeit verweile ich noch an diesem für mich so besonderen Ort und lasse einige Erlebnisse der Reise Revue passieren. Dann, ein letzter Blick zurück, umdrehen, nach vorne schauen und weiter…
Denn diese Geschichte ist noch nicht fertig geschrieben!
Tag 85 / Krukkihytta - Bjellåvassstua
Zunächst noch ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Tag. Der Weg nach dem Polarsirkel hat mich noch an die Krukkihytta geführt. Diese liegt traumhaft vor weiten Feldern auf welcher Rentiere grasen. Aus der Stube heraus kann man diese durchs Fenster hindurch gut beobachten, ohne dass sie scheu wegrennen.
Lange Zeit habe ich gestern Abend noch über diese Reise nachgedacht und wie glücklich ich mich schätzen kann, so etwas tun zu können! Aber nun erstmal genug der überschwänglichen Emotion.
Der Tag heute stellt sich vor und ist der Meinung mal so richtig mit dem „allerbesten“ Wetter glänzen zu wollen… Sturm, Regen von allen Seiten… jawoll ja!
Eigentlich steht heute Steindalen und damit der Fjellübergang nach Lønsdal auf dem Plan. Aber da man „Stein“-dalen wohl wörtlich nehmen soll und es (mir) echt 0 Komma nix Spaß macht, auf nassen Steinen und bei Sturm umherzuspringen…. Planänderung! Ich geh einen Teil der Telegrafruta, einer Strecke welche in früheren Tagen von Telegrafenmasten gesäumt wurde. Später biege ich dann übers Storengdal wieder Richtung Sulitjelma ab. Viele Wege führen doch zum Ziel! Mittlerweile habe ich auch recht eindrücklich gelernt, dass das Versteifen auf einen zuvor festgelegten Plan sinnlos ist. Ich sehe nun vielmehr alle verschiedenen Möglichkeiten und liebe es, mich spontan für den finalen Weg entscheiden zu können.
Die Telegrafruta ist, ähnlich wie die Nordlandsruta, eine mehrtägige Wanderrute. Diese führt dabei Süd-Nord durchs Saltfjell, dem Nationalpark, in dem ich mich gerade befinde. Entlang dieser Route standen früher einmal, zu Zeiten als noch Telegrafen genutzt wurden, viele Holzpfosten, welche die Leitungen getragen haben. Davon ist heute allerdings nicht mehr viel übrig. Nur ab und an sieht man alte Pfosten oder deren Steinsockel an der Seite der Pfade.
Der Weg führt auch an sehr faszinierenden Steinhütten vorbei. Und ich lasse es mir nicht nehmen, in einer davon mal schön einzuheizen. Ist auch erlaubt, die Hütten stehen nämlich auch als Notunterkünfte bereit. Zwischendrin gibt’s dann noch eine „Brücke“ der Marke „hoffentlich trägt Sie wenigstens noch mich“. Alles in allem echt wunderschöne Wanderpfade! Ich muss sagen, ich bin schon lange nichtmehr so angenehme 21km gelaufen und freue mich im Nachhinein über meine Entscheidung das Steindalen auszulassen.
Als ich am Ziel des heutigen Tages, der Bjellåvasstu, ankomme denke ich mir… egal wie gut oder schlecht jetzt die Entscheidung zur Planänderung mit Steindalen war… der Tag heute war trotz dem üblen Wetter so gut wie nur möglich.
Tag 86 / Bjellåvassstua - Nordnes
Vorbei an nordischer Karibik geht’s heute bei gutem Wetter weiter. Die Bergseen sind teilweise echt unglaublich schön mit dem türkisblauen Wasser. Zusammen mit den Stein- und Sandstränden könnte es auch gut und gerne die Mittelmeerküste sein, denk ich mir manchmal. Na gut, die Temperaturen passen nicht ganz, aber trotzdem.
Auf dem Weg nach Osten, Richtung Junkerdalen, bekomme ich dann noch eine Nachricht von Ronald. Er ist zufällig gerade auch in der Nähe und wir können uns auf der Hauptstraße, der E6, höchstwahrscheinlich über den Weg laufen! Eine tolle Überraschung, da ich nicht damit gerechnet habe, den Kerl überhaupt noch mal auf der Reise zu treffen!
Und so ein Treffen geht natürlich nicht ohne gutes Essen und Bier. Also wird noch schnell eine Möglichkeit dazu ausfindig gemacht und am Ende des Tages mieten wir uns eine Hütte auf dem Nordnes Campingplatz und essen uns durchs Dinner Buffet. Wir erzählen uns lange in die Nacht Geschichten von unseren Reisen und sind beide froh, dass wir uns so noch mal sehen konnten.
Ab morgen könnte es spannend werden… Es zieht nämlich eine ordentliche Schlechtwetterfront auf und die könnte den weiteren Weg nach Sulitjelma, Ende dieser Etappe, ziemlich ätzend machen… Aber da ich es eh nehmen muss wie es kommt… abwarten.
Tag 87 / Nordnes - Tjelmagammen
Ausschlafen, gutes Frühstück… so lässt sich der Tag doch gut beginnen. Allerdings ziehen, wie angekündigt, schon langsam die dicken und dunklen Wolken am Himmel auf…. Ich freu mir überaus, da heute der Aufstieg in den Junkeldal Nationalpark ansteht und das über einen Weg, der wahrscheinlich nicht der beste sein wird.
Kaum bin ich die ersten Kilometer gelaufen fängt es auch schon an sich richtig schön einzuregnen und das soll auch bis zum Ende des Tages nicht mehr aufhören… Je höher ich komme, desto mehr lande ich in einer richtigen Nebelsuppe. Das fröhliche Spiel des Wegmarkierungsuchens beginnt mal wieder. Der Weg in Richtung Storengdalen gleicht auch eher einer Idee als einem wirklichen Wanderweg. Ab und zu steht mal einn roter Stein da, aber die Wege dazwischen sind eher so Marke „suchs dir selbst“.
Mein Ziel heute ist eine Gamme, also eine eher behelfsmäßige Nothütte, die Tjelmagamme. Die ist auf meiner Karte markiert, aber ich bin mir bis zum Schluss nicht sicher, ob die wirklich dasteht. Die einzigen Bilder, die man davon findet, sind schon recht alt. So geht es immer weiter in das Tal hinein, das scheinbar ganz schön sein soll, ich aber gerade nicht viel von sehen kann. Der Nebel hält die Landschaft einfach zu sehr in seinem Griff.
Und plötzlich steh ich direkt am markierten Punkt auf der Karte und, schau einer an, vor einer sehr interessanten Gamme. Wie ein Hobbithaus, lugt sie unter einer Schicht von Torf und Moos hervor! Drinnen sieht aber alles sehr „einfach“ aus. Der halbe Boden fehlt (vermute den hat mal jemand wegen Holmangel verfeuert) und der Ofen fliegt auch schon fast auseinander. Aber für mich ist das genau die richtige Bude! Mit dem wenigen das vorhanden ist, improvisiere ich mir ein Feuer im Ofen, fange an meine klatschnassen Sachen zu trocknen und werde gegen später dann doch noch mit einem freien Blick auf das Tal belohnt!
Ein anstrengender, aber trotz dem Wetter und der bescheidenen Wege, schöner Tag, der mal wieder einige Herausforderungen hatte.
Tag 88 / Tjelmagammen - Tjoarvihytta
Ein Wunder, dass ich die letzte Nacht nicht mitsamt der Gamme den Fluss runter abgetrieben bin… Dauerregen der feinsten Sorte und der hält sich auch noch lange bis in die Morgenstunden.
Da ich zufällig mal Empfang habe (und das in der Bruchbudengamme… Wahnsinn) lässt sich die Wettervorhersage checken und die sagt bah! bis ca. 15Uhr. Also erstmal zurück in Schlafsack und noch ein paar Stunden Schlaf dranhängen! Ein früherer Start bringt eh nix, da würd ich entweder weggeweht oder aufgeweicht werden. Letztendlich gehts dann um 13Uhr los. Der Regen hat bis dahin etwas nachgelassen und für heute Abend ist sogar schönes Wetter angekündigt. Also denke ich mir, „halben Tag absaufen und dann halben Tag trocknen“, das passt schon irgendwie.
Gleich zu Beginn der Tagesroute steht der Anstieg auf über 1000m an. Der geht, wie bei den Norwegern üblich, einfach direkt und gerade den Berg hinauf… Kurven mögen die hier wohl nicht so. Die Stimmung im Fjell, bei dem Sauwetter, ist mystisch aber über Stunden hinweg mit Vollgaswind den Regen ins Gesicht geklatscht zu bekommen ist so… semi-optimal Übrigens auch top, wenn man erst nach einer halben Stunde merkt, dass der Wind den Rucksack-Regenschutz runtergepustet hat und damit jetzt der ganze Rucksack eher einem Feuchtbiotop ähnelt. Oh, bitte liebe Wettervorhersage, hab Recht und schick mir Sonne für den Abend, ich brauch das jetzt echt! Heute Abend kann ich zwar wieder in der nächsten Hütte trocknen, aber etwas Aufmunterung wäre echt gut! Seit mehreren Tagen kommen, über den Tag hinweg, immer mehr als 1000hm zusammen und das schlaucht auf Dauer schon sehr.
Aber tatsächlich, gegen 18Uhr reist der Himmel auf und innerhalb kürzester Zeit zeigt sich der Junkerdal-nasjonalpark von seiner schönsten Seite! Zwar komplett abgesoffen, durch den vielen Regen, aber wie schön sind die Aussichten!
Den Tag beende ich dann in der Tjoarvihytta, welche schon zur Hälfte von norwegischen Anglern bewohnt wird. Der Sitzungssaal wird dadurch einfach kurzerhand in meinen Schlafsaal für heute Nacht verwandelt. So sehr ich mich über die trockene Übernachtungsmöglichkeit freue, so unschön wird allerdings die kommende Nacht werden.
Tag 89 / Tjoarvihytta - Sulitjelma
Die Nacht war eine Katastrophe! Die Hütte hat eine großes Mäuseproblem. Wenn dann nachts, alle paar Minuten, eine Maus neben deinem Kopf vorbeirennt, macht das definitiv keinen Spaß. Und an ruhigen Schlaf ist auch nicht zu denken. Ich versuche meinen Proviant möglichst unzugänglich und hoch aufzuhängen. Mit der Hoffnung, dass morgen nicht alles angeknabbert ist. Das scheint wohl ein generelles Problem von Hütten zu sein, welche entweder hochfrequentiert, oder in der direkten Nähe zur Stadt liegen. War ne Erfahrung…
Dann folgt die Zielgerade zum Ende der 10. Etappe dieser Reise! Sulitjelma ist nicht mehr weit entfernt und die ehemalige Bergbaustadt wird mein nächster Versorgungspunkt.
Der Weg dahin ist beachtlich unbeindruckend. Das liegt aber auch daran, dass ich mich für die Straßenalternative entschieden habe. Die Wanderwege im Junkerdal Nasjonalpark sind dermaßen überflutet, dass es nicht den geringsten Spaß macht sich dort Kilometer für Kilometer durchzuquälen…. Einziger Vorteil der Straßen, ich bin seeehr flott unterwegs! Schon um 12.30Uhr hab ich meine 21km nach Sulitjelma geschafft. Überraschenderweise entdecke ich dann auf Google Maps ein Café in der „Stadt“, die am Sonntag eigentlich mal komplett tot ist. Sogar sonntags geöffnet!! Also nichts wie hin da und tatsächlich… seit 3 Monaten hat das „CKafé“ in Sulitjelma geöffnet und bietet alles von Kuchen über Pizza bis hin zum Bierchen. Ein Traum, in welchen ich mich für 4 Stunden verlieben werde.
Nachdem ich mich dann einmal querbeet durch die Speisekarte gefuttert habe (vermute die haben heute 3/4 des Monatsumsatzes mit mir gemacht) mache ich mich auf zu meinem AirBnB. In der „Stadt“ eine Bleibe zu finden ist gar nicht so einfach. Es gibt zwar, etwas außerhalb, einen Campingplatz mit Hütten, aber der ist mit 6km doch recht weit weg. Alles machbar, aber eine Bleibe, in kurzer Reichweite zum Supermarkt, hat schon seine Vorteile! Vor allem, da ich morgen schon weiter in die nächste Etappe starten möchte. Das Wetter ist mir derzeit nicht gut gesonnen und deshalb möchte ich den halbwegs guten Tag morgen so gut wie’s geht ausnutzen um zumindest mal bis zu Sorjushytta zu kommen. Diese liegt ca. 15km von Sulitjelma aus entfernt.
Herzlichst und mit größtem Respekt vor meiner Reise werde ich am AirBnB von Marielle begrüßt! Etwas schrullig, aber genau mein Ding diese Bude. So lässt sich doch n halber Ruhetag genießen!
Im Nachhinein betrachtet...
… habe ich selten in meinem Leben so eine Bandbreite an Emotionen gefühlt, wie beim Überschreiten des Polarkreises. Manche Orte auf dieser Welt mögen vielleicht nicht mit landschaftlicher Schönheit oder dem visuellen „Wow“-Effekt glänzen, aber kennt nicht jeder von uns einen Ort, dessen Symbolik direkt Emotionen auslößt? Emotionen, welche man anderen nur schwer erklären kann. Diese Momente, in denen man sich sicher ist, dass sie zu Schlüsselmomenten im eigenen Leben werden und man sie wohl nie vergessen wird.
Noch heute, knapp eineinhalb Jahre später, während ich diese Zeilen schreibe, kann ich mich an jede Sekunde dieses Schlusselmoments erinnern. Die Tränen fließen auch jetzt noch, wenn ich mich daran zurückerinnere.
Aus eigener Erfahrung kann ich jedem empfehlen: Sammelt diese Momente. Sucht nach solchen Momenten. Jagt sie. Der Nachhall, den sie hinterlassen, sind Geschichten fürs Leben.
Die gesamte Route auf einen Blick:
Falls Interesse an .gpx Dateien meiner Route besteht, gerne per Kontaktformular melden. Ich helfe gerne weiter 🙂















































































