Etappe 12 / Riksgränsen – Kilpisjärvi

Die längste Etappe dieser Resie ist geschafft und die folgende wird ein „Urlaub“ innerhalb des großen Abenteuers. Zunächst noch weiterhin alleine zieht mich mein Weg nach Innset. Dort verbringe ich einen Ruhetag auf der Huskyfarm und es folgt eine Veränderung, auf welche ich mich schon die ganze Resie sehr gefreut habe. Diese Etappe werde ich mit Unterstützung laufen! Rouven, sehr guter Freund aus alten Tagen, wird mich die gesamte Etappe über, bis nach Kilpisjärvi, begleiten. Wir haben es geschafft, dass es zeitlich hinhaut und so freue ich mich auf eine ganze neue Seite des Fernwanderns… gemeinsam wandern!

Erste Zweifel, ob das mit meinem etablierten Wanderrythmus überhaupt passt, können schnell vertrieben werden und durch die recht kurzen Tagesetappen, entsteht ein Gefühl von Urlaub. Dazu kommt mein sagenhaftes Glück, was das Wetter angeht. Seit nunmehr fast 2 Wochen hält sich ein Schönwetter hoch über Nord-Norwegen, welches das Wandern durch den den einzigartigen Øvre Dividalen Nationalpark zu perfekten Bedingungen ermöglicht.

So wird diese Etappe zu einer der landschaftlich schönsten der ganzen Reise und die Gemeinsamkeit mit einem sehr guten Freund verschafft uns beiden Geschichten fürs Leben. Von Riksgränsen, durch den Øvre Dividalen Nationalpark, am Dreiländerpunkt Skandinaviens vorbei und bis nach Kilpisjärvi, Finnland. Ich komplettiere damit die 3 großen skandinavischen Brüder und komme dem nördlichen „Ende der Welt“ näher und näher.

Die Reisetagebücher jedes Tages:

Tag 103 / Riksgränsen - Schwedisch Lappland
Offtrail-Trekking in Lappland Teil 1 von 2.
 
Was ist die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten? Richtig! Die Gerade. Es geht darum, von Riksgränsen wieder nach Norwegen zu kommen, und zwar zur Lappjordhytta. Da aber weder der Nordkalottleden, noch die markierte Alternative dazu sinnvoll erscheint (für den einen wäre Straße angesagt und der andere macht eine unnötige Nord Süd Kurve) entscheide ich mich für etwas abenteuerliches… Gehen wir doch einfach mal wieder quer durchs Fjell! Die Landschaft erstrahlt gerade wunderschön und auch das Wetter ist bombastisch gut! Also spricht nichts gegen diese Entscheidung. So spare ich mir mindestens 15km Wegstrecke und kann erneut meine Navigationskünste erproben. Es war ja schließlich auch schon länger her, dass ich das letzte Mal frei durchs Fjell gestreunert bin.
 
Geplant getan, geht es wieder mit einem unendlich schweren Rucksack auf Tour. Ja, vielleicht habe ich es im Supermarkt in Riksgränsen übertrieben… Aber geh mal einer von euch hungrig einkaufen und sag mir dann, dass er nur das Notwendige gekauft hat! Unglaubwürdig! So kann ich mir zumindest die nächsten 3 Tage Futter im Überfluss gönnen. Das ist auch notwendig, denn der Gürtel muss mittlerweile schon deutlich enger geschnallt werden! Während der ersten Hälfte Norwegen ist mir keinerlei Veränderung an meinem Gewicht aufgefallen, aber mittlerweile und insbesondere nach der heftigen letzten Etappe fällt es mir schon extrem auf, wieviel ich abgenommen habe. Wird höchste Zeit für einen Ruhetag mit viel Essen, aber der ist noch ein paar Tage entfernt.
 
Das Fjell hier is allerdings eine Nummer für sich… Ich bin froh mir nur 15km pro Tag vorgenommen zu haben, da sich die Wegfindung schwierig gestaltet und es auch nur sehr langsam voran geht. Ich merke, dass sich dieses Fjell definitiv nicht für ausgedehnte Wanderungen eignet und beginne meine Entscheidung, es direkt zu durchqueren, zu bereuen. Was genau mich zu dieser Einschätzung bringt?  Die halbhohen Büsche und vielen moorigen Passagen! Ich bewege mich im Storchengang und das kostet bei jedem Schritt unendlich viel Energie.  Mehr als die 15km am Tag, muss ich aber gar nicht machen. Für meine nächste Zwischenstation, die Huskyfarm in Innset, habe ich mir den 10. September als Ankunftstag ausgesucht und dem Besitzer, Morten, auch dementsprechend Bescheid gegeben. Es würde also nichts bringen, jetzt noch Tage herauszulaufen. Also ganz entspannt die Sache angehen und mit vielen Pausen und über zwei Tage hinweg durchs Fjell schleichen.
 
Zum Ende des Tages merke ich aber, dass sich mein Magen beschwert?! Ich weiß nicht, ob es die heftige Anstrengung des Tages ist, dass plötzliche viele Essen (eine komplette Tafel Schokolade war vielleicht nicht die beste Idee) oder ob ich dummerweise an schlechtes Wasser geraten bin. Zur Sicherheit wechsle ich das Wasser und schmeiß eine Desinfektionstablette rein. Ein größeres Problem kann ich gerade echt nicht gebrauchen! Ich hoffe, dass es morgen wieder besser ist und leg mich schon um 18Uhr schlafen… Ruhe tut ja immer gut.
 
Viele Bilder gibt’s heute nicht, die wären alle nur das Gleiche von verschiedenen Seiten geworden und damit will ich nicht langweilen. Allerdings lässt sich auch der heutige Zeltplatz sehen und zeigt wieder beste Aussichten auf die hochnordische Seenlandschaft im Herbst.
Offtrail-Trekking in Lappland Teil 2 von 2.
 
Die Nacht war erholsam und ruhig. Zwar hatte ich mit einem durchgehend komischen Gefühl im Magen zu kämpfen, aber von Durchfall und Erbrechen blieb ich verschont. Es sieht also nicht nach irgendwelchen größeren Problemen aus… zum Glück! Das komische Gefühl hält sich auch morgens noch eine ganze Weile, aber der Hunger aufs Frühstück ist da. Ich werde einfach langsam in den Tag starten und dann wird das schon. Ich lasse heute auch die ganze Tafel Schokolade weg, versprochen!
 
Etwas schwächer auf den Beinen als sonst, geht’s dann gegen 10Uhr los zum zweiten Teil des Offtrail-Trekkings zurück nach Norwegen. Und der Teil wird alles andere als leicht… Ich bin ja schon durch einige Fjells gegangen, aber das hier… ich weiß nicht , ob ich es anderen als Abkürzung empfehlen würde, eher nicht. Klar, macht das Abenteuer Offtrail Spaß und das Navigieren ist nach wie vor ne super Sache, aber das Terrain hier ist schwierig und ich merke, dass die Schweden keinen blassen Schimmer davon haben wo ihre Sümpfe genau liegen… Auf den Karten sind sie meistens falsch oder gar nicht eingezeichnet. So lande ich mehrfach in Gegenden, die man eigentlich nicht zu Fuß durchstreifen möchte. Nichts für ungut Schweden, aber da könnt ihr noch von Norge lernen.
 
Anhand von Sami Spuren (die fahren mit ihren ATVs überall durch) kann ich aber halbwegs sinnvoll meinen Weg ziehen und bin froh, als ich an meinem letzten Zwischenziel für heute, dem Grenzstein zu Norwegen, ankomme und ab da an wieder dem Nordkalottleden zur Lappjordhytta folgen kann. Gute Sache des Tages, das schlechte Gefühl im Magen hat sich über den Tag hinweg aufgelöst und ich scheine wieder voll leistungsfähig zu sein.
 
Morgen noch nach Innset und dann gibt’s einen bitter nötigen Ruhetag in einer etwas besonderen Unterkunft. Lasst euch überraschen!
Der kräftige Herbststurm schüttelt die Hütte ganz schön durch und das die ganze Nacht lang. Auch am nächsten Morgen zeigt er keine Anzeichen dafür, dass sich der Wind wieder legt… Die Zeichen stehen also für einen heftigen Wandertag, da es einmal übers hohe Fjell bis nach Innset rüber geht. Darauf erst mal einen Kaffee extra… für die Motivation!
 
Der doch recht frühe Start (ja 9.30Uhr ist früh für mich) sorgt dafür, dass das Licht im Fjell besonders schön zwischen den Wolken durchscheint. Schön wenn man sich das in Ruhe anschauen könnte, was heute leider nicht der Fall ist. Es bleibt mir kaum Zeit für eine kleine Pause, der Wind ist einfach zu heftig und zudem kühle ich extrem schnell aus, wenn ich mich nicht dauerhaft bewege. Das wird heute also ein Dauerlauf nach Innset werden. Man nimmt die Landschaft ganz anders wahr, wenn man sie nach jeder Möglichkeit des windgeschützten Pausenplatzes abscannt. Diese extremen Wetterbedingungen machen mir wieder klar, wie sehr wir in den Händen der Natur sind, sobald wir uns von unseren Städten entfernen. Gnadenlos peitscht mir der Wind ins Gesicht und ich taumel wie n Besoffener entlang der markierten Wanderwege.
 
Ziel ist die Huskyfarm in Innset, ein Ort auf den ich mich schon lange Zeit freue. Hier werden Huskys gezüchtet und im Winter Schlittentouren angeboten. Wenn die Hunde mal nicht am Trainieren sind, insbesondere während der Sommermonate wenn es zu heiß ist für die Tiere, kann man frei mit Ihnen kuscheln. Die Vierbeiner sind alle verrückt nach Streicheleinheiten! Als ich auf der Farm ankomme, werde ich direkt herzlich begrüßt.  Dazu gibt’s noch eine Einladung zum gemeinsamen Abendessen mit dem Besitzer und der derzeit angestellten Saisonkräfte des Hofs und ein gemütliches Zimmer im Nebenhaus. Dort lassen sich die müden Knochen perfekt ausruhen. 
 
Die Stimmung hier ist toll! Die Farm wird von einem Deutschen geführt und es sind auch einige deutsche Saisonkräfte da, welche mir alles über die Art und Weise erzählen wie die Hunde gezüchtet und gehalten werden. Lasst euch nicht täuschen von den vielleicht etwas klein wirkenden „Häuschen“ der Hunde und den Ketten. Die wilde Bande bekommt mehr als genug Auslauf und es geht Ihnen hier bestens. Eine andere, freie Art der Haltung wäre auch schlichtweg nicht möglich, da es dann zu verheerenden Revierkämpfen zwischen den sehr eigensinnigen Hunden kommen würde.
 
Die Farm ist über die letzten 20 Jahre stark gewachsen und die jetzigen Besitzer bieten viele Touren und Aktivitäten an. Und was mich wirklich fasziniert ist, dass das gesamte Abendessen (Würste, Kartoffeln, verschiedenes Gemüse) selbst angebaut wird bzw. die Tiere selbst auf dem Hof gehalten werden. Besser und insbesondere nachhaltiger geht’s kaum!
Oh, wie ich mich auf diesen Ruhetag gefreut habe! Ausschlafen, duschen, frühstücken bis die anderen Leute drum herum sagen „hört der überhaupt noch mal auf zu essen?!“ und dann ganz viel Zeit mit den Hunden verbringen. Zusammen mit Brava, einer schon etwas in die Jahre gekommenen Husky-Seniorin, geht’s am Nachmittag auf eine gemeinsame Tour… quasi Fjell-Gassi. Und hat die einen Zug drauf!! Das hat nix mehr mit entspanntem Gassi gehen zu tun. Das ist eher so Kategorie „wo zur Hölle bleibst du denn, Mensch?!“ Also fegen wir zusammen, für knappe 2 Stunden, über die benachbarten Wege. Danach steht meine Entscheidung fest. Ich würde sie ja am liebsten mitnehmen! Bergab würd sie mich zwar Kopf voraus über den Wanderweg schleifen (autsch!) aber bergauf wär das schon ne feine Sache mit so einem Turbo-Fjellknäul.
 
Den Rest des Tages genieße ich einfach nur in vollsten Zügen. Rede viel mit den Saisonkräften und tanke ne Menge der 20° Sonne, welche immer noch tapfer den ganzen Tag am Himmel steht! Eine derartige Schönwetterperiode ist schon ein Geschenk des Himmels. Seit fast 2 Wochen bin ich nahezu dauerhaft unter blauem oder nur leicht bewölktem Himmel unterwegs und die Temperaturen erinnern an einen goldenen Herbst in Deutschland. Die immer wieder aufkommenden Stürme machen mir zwar ab und ab zu schaffen, aber ich fühle eine unendliche Dankbarkeit für dieses Wetterglück im wohl schönsten Teil Norwegens!
 
Abends kommt dann noch ein Highlight dieser Reise dazu. Etwas, was schon länger geplant war und jetzt wirklich so aufgeht, wie ich mir das vorgestellt habe. Dazu aber mehr in den kommenden Tagen, denn jetzt muss ich Hunde kuscheln gehen! ALLE!
Aus eins mach zwei! Seit gestern Abend ist Verstärkung angekommen und die nächste Etappe, bis zum finnischen Kilpisjärvi, werde ich zusammen mit Rouven gehen. Ich bin überglücklich, dass das alles funktioniert hat! Die Planung dafür steht schon seit Anfang der Reise, aber es war lange Zeit unklar, ob ich rechtzeitig in Innset ankomme, damit er es in seinem Urlaub unterbringen kann. Wir sind seit der frühen Schulzeit befreundet, sehen uns aber leider sehr selten. Das liegt daran, dass da er vor zwei Jahren nach Norwegen ausgewandert ist und jetzt in Tromsø lebt. Man kann sich also vorstellen, wie groß meine Freude war, als er plötzlich auf der Huskyfarm vor mir steht! Mit dem Wissen, dass wir die nächsten Tage alle Zeit der Welt haben werden um gemeinsam hoch-nordische Abenteuer zu erleben.
 
Ich habe mir die Tage davor aber schon Gedanken darüber gemacht, wie es wohl sein wird plötzlich nicht mehr alleine zu wandern. Irgendwo war da ein fragwürdiges Gefühl, ob das überhaupt passen wird. Ich habe in über 100 Tagen meinen ganz eigenen Rhythmus gefunden und mich jetzt auf etwas anderes einzustellen wird wahrscheinlich nicht einfach werden.
 
Glücklicherweise funktioniert es aber ab den ersten Kilometern hervorragend und die Zeit verfliegt nur so bei den ganzen Gesprächen über Vergangenes und Neues. Es fühlt sich einfach gut an, alte Freunde für längere Zeit wieder zu sehen! Da Rouven absolut fit ist, brauche ich nicht mal Tempo aus meiner üblichen Wanderpace rausnehmen. Ganz im Gegenteil, das ein oder andere Mal muss ich ihn bitten etwas auf die Bremse zu treten. Auch wenn der größte Teil der Reise schon hinter mir liegt, habe ich noch ein etwas längeres Stück zu absolvieren als er. Nach der Findungsphase klappt das alles aber hervorragend und meine endloses Geschichtenrepertoire der Reise und seine Geschichten als Auswanderer füllen den Tag mit viel Freude und Lachen.
 
Das Wetter meldet weiterhin sommerliches Wetter an und scheint auch echt Lust zu haben einen goldenen, norwegischen Herbst zu bieten… Beste Voraussetzungen, um durch den nächsten Nationalpark, den Øvre Dividal, zu wandern. Unsere Erste „Anlagestelle“ ist die Gaskasshytta vom DNT und hier treffen wir zum ersten Mal eine norwegische Hüttenwärtin. Sie erzählt uns vom Alltag als Hüttenwart und wie sehr man dafür die Abgeschiedenheit lieben muss. Außer uns dreien ist niemand hier und so bekommen wir eine der Hütten für uns alleine. Tatsächlich, nach mehr als 2 Jahren in Norwegen, Rouvens allererste Hüttenübernachtung in Norwegen! Wird Zeit diese Lücke zu füllen.
Øvre Dividal Nationalpark. Von der Gaskasshytta bis zur Vuomahytta. 
 
Allein schon der Einstieg in diesen Nationalpark ist fantastisch! Unser Weg führt uns die nächsten Tage maximal weit weg von der Zivilisation und es stehen einige der schönsten DNT Hütten auf dem Wanderplan. Wir haben uns, während der Planung der gemeinsamen Zeit, dazu entschieden den gesamten Weg über, bis nach Kilpisjärvi, in den DNT Hütten zu nächtigen. Dieser Abschnitt bietet dafür die allerbesten Voraussetzungen. Die Wege zwischen den Hütten liegen zwischen 16km und 25km und bieten damit die perfekte Länge, um die Tagesetappen dementsprechend auszulegen. Rouven erspart sich dadurch auch die Mitnahme eines Zelts und kann damit die Tour mit deutlich weniger Gewicht als ich genießen. Und ich freue mich einfach auf einige Nächte in den hervorragenden DNT Hütten! Wenn ich so darüber nachdenke, fühlt sich dieser Teil wie Urlaub an. Urlaub von den Strapazen der letzten Monate und Zeit um einfach mal nur zu genießen. Sofern das Wetter uns keinen Strich durch den Plan zieht, kommen wir in 5 Tagen in Kilpisjärvi an und auch wenn es einen Tag mehr benötigen sollte… auch kein Problem, wir haben eine gewisse Flexibilität dazugebucht.
 
Entlang des Weges zur Vuomahytta bekommen wir beide immer mehr das Gefühl, dass wir uns von allen anderen Menschen entfernen. Und eine Sache fällt mir persönlich besonders auf. Ich habe, während der bisherigen Reise, zwar immer wieder die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt, unter denen auch einige dabei waren, welche ich sehr liebgewonnen haben. Allerdings ist es eine ganz andere Ebene der Vertrautheit mit einem alten Freund zusammen zu wandern. Rouven ist der Erste, mit dem ich mehrere Tage zusammen wandern kann und das gibt mir endlich das Gefühl mal Zeit zu haben. Wie ich zuvor schon berichtet habe, fehlte mir dieses Gefühl ja. Es ist schön, einen Teil meiner Reise teilen zu können.
 
Die Wege sind alle hervorragend gut ausgewiesen und lassen sich bisher ohne nennenswerte Anstrengungen laufen. Es passt also alles zusammen, damit die nächsten Tage eine Genusszeit wird!
Øvre Dividal Nationalpark, von der Vuomahytta bis zur Dividalhytta.
 
Kurz vor der Dividalshytta erreichen wir das Herz des Nationalparks. Dieses hat eine Besonderheit, welche man in den hohen Breitengraden von Norwegen normalerweise nicht mehr zu Gesicht bekommt… Dichte Nadelwälder, welche zu einem ganz besonderen Highlight werden! Entlang von tiefen Schluchten zieht sich ein immergrüner Wald, durch welchen sich der Weg langsam bis hoch zu Dividalshytta zieht.
 
Und da mal wieder Samstag ist, warten auch schon die Wochenends Norweger auf uns. Wir werden prompt zum Abendessen auf der Hytta eingeladen. Schon lustig, dass das immer wieder funktioniert! Entweder wir sehen so verhungert aus, oder die Norweger sind einfach grundsätzlich gastfreundlich. Ich vermute eher letzteres, da es noch nicht allzulange her ist, dass wir unsere Bäuche vollschlagen konnten.
 
So langsam schleichen sich die ersten Nächte mit Minusgraden an. Der Winter scheint immer näher zu rücken und es ist fraglich, wie lange sich der goldene Herbst hier noch halten kann. Der kommende Wintereinbruch ist ein Thema, mit dem ich mich in nächster Zeit wirklich beschäftigen muss. Die meisten NPL Wanderer planen ihre Reise so, dass sie schon deutlich vor Oktober und damit vor den endgültigen Einbruch des neuen Winters am Nordkap ankommen. Ich nicht… Durch meinen relativ späten Start und mein vergleichsweise langsames Tempo, muss ich damit rechnen den neuen Winter persönlich kennenzulernen. Für jetzt versuche ich dieses Thema aber noch in den Hinterkopf zu verbannen. Wir werden sehen, wann es soweit sein wird.
 
Øvre Dividal Nationalpark, von der Dividalhytta bis zur Dærtahytta.
 
Die längste gemeinsame Etappe! 25km über diesmal schwierige Wege, zeige ich Rouven heute mal, wie so ein „normaler“ Norge på langs Wandertag aussieht. Aber trotzdem hängt er mich wieder auf den Trails ab… Mag vielleicht am leichteren Rucksack oder an der geringeren „Vorbelastung“ liegen, aber manche Dinge ändern sich wohl nie im Leben. Kurz habe ich Angst davor, meinen lang trainierten Rhythmus zu verlieren, aber dann sehe ich es einfach als Herausforderung an, um nicht in zu viel Bequemlichkeit zu verfallen.
 
Hier zeigt sich der Nationalpark in seiner endlosen Weite. Egal in welche Richtung man schaut, unendlich wirkendes Fjell, abseits von Menschen. Wir treffen mittlerweile auch auf nahezu keine Menschen mehr und die Dærtahytta haben wir auch wieder komplett für uns alleine! Mit großer Fensterfront lässt es sich dann mit bestem Ausblick zu Abend essen und Ausschau nach den Nordlichtern halten. Wenn auch nur schwach, sie zeigen sich uns immer mal wieder.
 
Der letzte Teil des Wegs zur Hytta war aber eine ganz besondere Herausforderung… Es gibt nix schlimmeres als wenn man die Hütte schon von 7km Entfernung aus sieht und sich denkt „da sind wir ja bald“ und dann zieeeeht sich der Weg. Allgemein ist das ein Phänomen, welches ich immer wieder habe, egal wie lang der gesamte Weg auch ist. Die letzten paar Kilometer sind immer zäh wie Gummi!
 
Den einsamen Morgen auf der Dærtahytta teilen wir nur mit einer Herde Rentiere, welche um die Hütte herumstreift. So ist und bleibt dieser Ort ein kleines Paradies der Ruhe mitten im Nirgendwo!
 
Ohne das wir uns Wecker stellen, hat sich eine Routine eingeschlichen, welche jeden Tag bis auf ein paar Minuten auf die gleiche Zeit hinausläuft. Aufstehen um 9Uhr, entspanntes Frühstück (zumindest ich, bei Rouven hat der große Wandererhunger noch nicht eingeschlagen) und dann ziehen wir immer auf 10Uhr los. So lässt sich, mit den immer kürzer werdenden Tagen, die Zeit hervorragend ausnutzen und wir kommen nie in Stress oder müssen besonders Gas geben. Dennoch fühlt es sich seit ein paar Tagen komisch an, mit dem Tageslicht… Als wenn es so langsam gar nicht mehr richtig Mittag werden wolle. Zwar ist immer noch bis 19Uhr hell, aber der Unterschied zu den langen Tagen vor ein paar Wochen ist schon extrem… Wie schnell sich das doch verändert!
 
Das Finale des heutigen Wegs, aus dem Nationalpark hinaus, gibt es an der Rostahytta inkl. Lagerfeuer draußen! Mit Hoffnungen auf schöne Nordlichter verbringen wir noch eine ganze Zeit draußen und bekommen dann noch, spät abends, Besuch von einem Norweger, der zum Jagen hier im Dividalen unterwegs ist. Mit Stirnlampe und zwei Hunden durchs dunkle Fjell, auch mutig der Kerl. Er erzählt uns dann noch die Geschichte, dass er seiner Frau vor eine Wahl gestellt hat. Entweder sie ziehen ins Dividalen oder er darf jedes Jahr für zwei Wochen alleine hier rum streunern und seiner Leidenschaft, der Jagd, hinterhereifern… Seine Frau war von der Gegend wohl nicht so sehr angetan wie er selbst und so nimmt er jetzt jedes Jahr reis aus von zuhause.
Mit einem kurzen Schlenker über die nördlichsten Ecken Schwedens, geht es heute zur Gappohytta, dem vorletzten Ziel der gemeinsamen Etappe nach Kilpisjärvi.
 
Die 20km heute vergehen wie im Flug. Allerdings ist es interessant zu sehen, wie so langsam auch bei Rouven die ersten Weitwanderbeschwerden auftreten. Bei niemandem bleiben die Füße und Beine unversehrt! Es hört sich für mich so an, wie damals bei mir als die ersten Wehwehchen auftraten, die nichtmehr einfach so von heute auf morgen verschwinden… Gleiche Stellen, aber alles halb so wild. Ich weiß mittlerweile, wie man sich soweit wieder in Schuss setzt, damit es am nächsten Tag weiter gehen kann.
 
Zum Ende der gemeinsamen Zeit hin muss ich sagen, dass es definitiv nicht einfach ist, sich plötzlich auf ein „Wandern zu Zweit“ umzustellen. Auch wenn es sich so problemlos anfühlt, der Rhythmus verändert sich doch, wenn auch nur minimalst. Das reicht aber aus, um den Körper irgendwie durcheinander zu bringen. So merke ich jetzt gerade, selbst nach kurzen Tagen, das mein Körper viel erschöpfter ist. Das mag aber auch mentale Gründe haben, da ich mich ja auch plötzlich auf viele Gespräche, während dem Wandern, konzentriere. Hat also alles seine Vor- und Nachteile. Aber ich bin uneingeschränkt froh darüber, dass diese gemeinsame Zeit geklappt hat und ich würde es definitiv nicht missen wollen! Danke dafür!
 
Der Weg heute führt uns nochmal ins Hochfjell und das Wetter deutet so langsam auch einen kräftigen Umschwung an… Die ersten Regenwolken (seit mehr als 2 Wochen) ziehen durch die Berge und ich werde wieder daran erinnert, wie ungemütlich es dort bei schlechtem Wetter sein kann. Der Wind bläst uns über weite Ebenen hin bis zur Gappohytta, welche diesmal tatsächlich gut besucht und umvölkert ist! Die Finnen scheinen hier jetzt ihre Ausflüge zu machen. Dennoch bekommen wir die Nye Gappohytta für uns alleine und heizen der Bude mal richtig schön ein! Aber warum denn die Finnen? Naja, morgen werden wir die Grenze erreichen und diesmal ist es eine ganz besondere. An der Treriksrøysa laufen die Grenzen dreier Länder zusammen, Norwegen, Schweden und Finnland, und diese werden wir morgen erreichen. Ein weiterer Meilenstein dieser Reise!
Auf in die letzte Hüttenetappe! Hier ist heute eher auslaufen angesagt, da der Abschnitt Gappohytta – Goldahytta nur 13km lang ist… Allerdings finde ich das auch mal schön. Halbtags ist auch mal ne gute Wahl!
 
Der Weg führt uns jetzt wieder zunehmend aus dem hohen Fjell hinaus und hinein in weite Ebenen. Meist können wir bereits schon nach wenigen Kilometern die Ziele der Tage sehen, da alles so weitläufig wird. Ich habe das Gefühl, dass es bald Zeit ist, den hohen Bergen auf Wiedersehen zu sagen… Für den Rest der Reise. Genauso wird es bald Zeit, dem Herbst auf Wiedersehen zu sagen, denn der war wirklich so extrem kurz, wie sie ihn alle beschrieben hatten! Bereits jetzt schon liegen fast alle Birkenblätter auf dem Boden und die knalligen Farben des Fjells gehen in ein dunkleres Braun über, welches die Weite noch endloser wirken lässt. So viel Veränderung gerade… Es fült sich an, als würde sich der Kreis der Jahreszeiten für mich bald schließen.
 
Die Goldahytta versteckt sich in einem nicht mehr ganz so getarnten Birkenwäldchen und Rouven und ich machen es uns ein letztes Mal zusammen im Fjell gemütlich… Morgen erreichen wir schon das Ende der Etappe, Kilpisjärvi und damit kommt auch der letzte der 3 großen skandinavischen Brüder ins Spiel… Finnland! Damit werde ich die Vielfalt der Länder auf dieser Reise komplettieren.
Vorbei am 3 Länder Wackelpudding (Treriksrøysa, dem Punkt an dem Norwegen, Schweden und Finnland aufeinandertreffen) und nach langer Zeit wieder über Straßen zum doch sehr touristische Kilpisjärvi, Finnland . Das wird das Finale meiner 12. Etappe von Norge på langs und damit der letzte Tag zu Zweit. Rouven wird über Skibotn wieder zurück nach Tromsø reisen und so heißt es ab morgen wieder „einsamer Wanderer“ für mich… Aber ich freue mich auch drauf wieder komplett in meinem Tempo durchs Fjell zu ziehen und meinen Gedanken wieder mehr Raum geben zu können. Also kein Grund für großen Wehmut, das war ein Teil der Reise und jetzt kommt wieder ein Neuer, so läuft das eben!
 
Schon am 3-Länderpunkt merken wir den touristischen Teil dieser Gegend sehr, als plötzlich eine Heerschar von leicht bepackten Tagestouris aus dem Wald kommt und den Punkt in Beschlag nehmen. Wie wir herausfinden, kann man sich auch mit einem Boot über den See setzen lassen und damit kommen auch die wanderfaulen Kameraden hier rüber, ohne ins Schwitzen zu geraten. Wir sind einfach froh ein paar Minuten vor dem Ansturm hier gewesen zu sein!
 
Der Weg gen Kilpisjärvi zieht sich ab dort aber ganz schön… Immer wieder an Touristen vorbei und über breitgetretene Pfade geht es am See entlang, bis zur großen Straße, kurz hinter dem Grenzübergang Norwegen – Finnland. Auch wenn wir es nicht mehr weit in die „Stadt“ haben… zäh wie Gummi. Aber ein kurzer Zwischenstopp im erstbesten Burgerladen regelt! Ohh schmeckt das erste Bierchen nach einer Woche Outdoor gut. Ab dort lassen wir es entspannt über den Supermarkt in Richtung Hotel auslaufen und freuen uns drüber, dass wir es mal wieder geschafft haben, dem kommenden Sauwetter zu entfliehen! Die Wolken am Horizont verheißen nämlich nichts Gutes… Das kann uns aber egal sein, da Sauna und ein 3 Gänge Menü Abendessen auf uns warten. Zum Abschluss lassen wir es uns so richtig gut gehen. Auch wenn wir mit unserem Landstreicher-Aussehen zugegebenermaßen etwas arg fehl am Platz aussehen. Ist uns egal!
 
Für mich war diese Woche, zusammen, wie ein kleiner Urlaub im großen Urlaub. Hervorragend, um vor dem großen Finale nochmal Motivation zu sammeln! Lange geht es nicht mehr und der Winter klopft an die Tür…

… ist das gemeinsame Wandern eine ganze andere Sache als das alleinige Wandern. Ohne eine Aussage darüber treffen zu wollen, welches jetzt die bessere Variante ist, habe ich gelernt, dasses nicht selbstverständlich ist, mit jedem Tempo und jedem Charakter zurechtzukommen. Das gemeinsame Wandern hat den wunderschönen Faktor des Teilens. Alle Erlebnisse werden nicht nur im eigenen, sonder auch im gemeinsamen Buch des Lebens geschrieben und das schweißt zusammen. Allerdings fällt es mit in Begleitung schwerer, mich auf meine eigenen Gedanken zu konzentrieren und damit stauen sich ab und dann eine Menge „unfertiger“ Gedankengänge an. So war diese gemeinsame Zeit eine ganz andere Wanderung für mich. Eine Wanderung, welche ich mehr als Kurzurlaub wahrgenommen habe. Das war allerdings genau richtig, da ich mir, durch die kürzeren Tagesetappen, mehr Erholung und Reserven für den weiteren Weg zurückholen konnte. 

Ich werde diese gemeinsame Zeit nie vergessen und freue mich bis heute noch sehr darüber, dass ich einen größeren Teil meiner Reise mit einem so wichtigen Menschen in meinem Leben teilen konnte. Aber für die Gesamtheit der Reise, war es die absolut richtige Entscheidung, alleine zu gehen.

Die gesamte Route auf einen Blick:

Falls Interesse an .gpx Dateien meiner Route besteht, gerne per Kontaktformular melden. Ich helfe gerne weiter 🙂

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