Die Flucht, vor den schlimmsten Schneemassen des neuen Winters, nach Kautokeino ist geglückt und damit bieten sich mir wieder einige neue Möglichkeiten weiter nach Norden zu gelangen. Mein favorisierter Plan ist es, durch den Stabbursdalen Nationalpark (der letzte Nationalpark auf meinem Weg) nach Olderfjord zu wandern und von dort an weiter in Richtung Nordkap. Ob dieser Plan so klappt ist allerdings fragwürdig, da die Schneemenge oberhalb von 500m gerade schon zu hoch sein kann, um noch ohne Schneeschuhe oder Skier laufen zu können. Die Entscheidung fällt in Masi, einem kleinen Dörfchen entlang der Straße nach Alta, meinem Alternativziel, falls kein Fjellgang mehr möglich sein sollte.
Der Winter zieht seine Schlinge immer fester und fester zusammen und die Freiheit der Routenplanung, welche ich immer so genossen habe, schränkt sich mittlerweile drastisch ein. In verschiedensten Begegnungen meiner bisherigen Reise wurde ich schon mit fragenden Augen angeschaut, als ich meinte, dass ich plane Mitte Oktober am Nordkap ankommen zu wollen. „Dann drücke ich die Dauen, dass der Winter dich nicht früher erwischt“ war stets die Antwort. Jetzt weiß ich, dass das keine hohlen Aussagen waren, sondern eine Vorwarnung auf das, was auf mich zukommen wird.
Ich werde irgendeinen Weg ans Nordkap finden, auch wenn dieser über Straßen gehen muss. Das wäre dann zwar die am wenigsten reizvolle Alternative, aber so kurz vor dem Ende gebe ich nicht auf.
Die Reisetagebücher jedes Tages:
Tag 122 / Kautokeino - Finnmark
Endlich wieder in die richtige Himmelsrichtung! Der Kompass zeigt auf der ersten der vielen endlosen Schotterstraßen den direkten Norden an und damit geht’s auch auf der Weltkarte endlich wieder weiter in Richtung Nordkap. Und das bei bestem Wetter! Das Abwarten hat sich gelohnt.
Allerdings zeigt sich die Finnmark zu dieser Zeit jedoch sehr trist. Ein paar letzte Farben lassen sich dem Fjell noch entlocken, aber ansonsten befindet sich die Gegend in der kurzen Übergangszeit zwischen Herbst und Winter. Durch die Sonne heute gibt es zwar noch recht angenehme Wandertemperaturen (so um die 4°), aber sobald die mal verschwinden, wird es schnell wieder eisig.
Viel zu erzählen gibt es heute nicht. Gerade heißt es einfach nur Kilometer machen. Das geht auf den Schotterstraßen gut, aber es fehlen doch irgendwie die Highlights, welche mich zwischendurch zum Staunen bringen… Ich versuche mir vorzustellen, wie die weiten Ebenen im Herbst wohl aussehen, wenn alles in verschiedenen Gelb- und Rottönen leuchtet. Ich mag diese Gegend gerne noch einmal mitten im Herbst besuchen, wenn die Birken noch ihre farbigen Blätter tragen und das Fjell in allen Farben steht. Irgendwie fühlt es sich für mich so an, als gebe ich der Finnmark zu Unrecht den Stempel „trist“. Viele Norweger haben eine große Faszination für diese Gegend und wollen, wenn sie nicht schon dort waren, unbedingt dort hin. Diese weitläufige Landschaft am Ende der Welt… Ich bin wohl einfach zur falschen Zeit hier oben. Oder ich habe den symbolischen Wert der Gegend noch nicht vollends verstanden.
Nach starken 36km und dem Gefühl, endlich wieder Fortschritt zu machen, finde ich meinen Zeltplatz für heute Nacht an perfekter Stelle. Flache Stelle, wenig Büsche und ein Bach fürs Wasser direkt daneben. Da sagt der Wanderer doch nicht nein und lässt sich vor dem Verschwinden im Zelt noch vom abendlichen Farbenspiel am Himmel beeindrucken. Es kündigt sich eine kalte und windstille Nacht an und das Außenzelt ist schon vor dem Schlafengehen leicht angefroren… Ich befürchte die Verwandlung meines Innenzelts in eine Tropfsteinhöhle wegen Kondenswasser. Naja, dass es ab jetzt kein Sonntagscamping mehr sein wird, war ja abzusehen. Insbesondere bei diesen Übergangstemperaturen von -2° bis 2°, kann es wirklich widerlich werden im Zelt. Durch mangelnde Luftzirkulation bleibt die Feuchtigkeit, welche ich beim Schlafen ausatme, im Zelt und schlägt sich dann am Schlafsack und der Decke des Innenzelts nieder. Die Wärmeisolation meines Schlafsacks ist davon glücklicherweise (noch) nicht beeinträchtigt, aber nach 3 solcher Nächte in Reihe ist einfach alles feucht und klamm. Die Notwendigkeit, jede Chance zum Trocknen meiner Sachen zu nutzen, wird immer größer.
Tag 123 / Finnmark - Masi
Schön war das gute Wetter gestern! Ist jetzt aber wieder ausverkauft. Sonne gibt’s nimmer.
Schon morgens, als ich den ersten, vorsichtigen Blick aus dem Zelt werfe, wird klar… heute wird ein Schmuddeltag! Schneeregen fällt und prasselt stetig auf mein Zelt. So fällt es mir extrem schwer mich aus dem Zelt heraus zu bewegen. Die windstille, kalte Nacht hat mein Innenzelt erfolgreich durchnässt… Damit muss ich leben und akzeptieren, dass es ab jetzt öfters so sein wird. Es kann nicht immer alles so reibungslos laufen, wie man es gerne hätte und in diesen Situationen ist Selbstdisziplin gefragt. So trete ich mir mental selbst in den Hintern und zwinge mich zum Aufbruch. Nur nicht dran denken, dass da gerade n patschnasses Zelt im Rucksack schwimmt.
Heute führt mich mein Weg wieder in etwas höher gelegene Gegenden. „Höher“ bedeutet hier, in der Finnmark, schon über 500m. Es ist echt absurd, wie 500m hier oben schon an Gegenden erinnert, welche zuhause auf über 1000m liegen! Der Schneeregen verfolgt mich heute über den gesamten Tag hinweg und Teile der Route erzeugen ein Déjà-vu an mein „Wettrennen“ aus dem Reisadal hinaus… Wenn das die Tage so weitergeht, ist hier bald kein Fjellabenteuer mehr möglich.
Mein Plan sieht vor, dass ich heute Masi (auf dem Schild steht „Mazé“, der samische Name des Dorfs) erreiche. Laut Karte soll es hier auch ein „Touristsenter“ geben, mit Möglichkeit zur Übernachtung in einer Hütte. Allerdings bewahrheitet sich mal wieder eines… in Norwegens Pampa bedeutet „senter“ meist weder etwas Großes noch etwas Offenes. An der Eingangstür bewahrheitet sich meine Befürchtung. Das Café, das hier mal war gibt’s nimmer (oder hat schon saisonbedingt zu?!) und sonst ist auch keiner zuhause. Aber es hängt ein Schild mit einer Telefonnummer an der Tür. Also gut, ich habe keine Lust in der vermutlich verregneten Nacht draußen zu schlafen da mein Zelt ist eh schon durchnässt ist von letzter Nacht. Versuchen wir unser Glück! Es geht auch gleich jemand ran, allerdings wird die Frage, ob wir englisch reden können, gleich mal verneint. Wieder einmal bin ich happy, dass ich mir auf der Reise etwas Norwegisch angeeignet hab und schaffe es der Frau am Ende der Leitung klarzumachen, dass ich gerne eine Hütte für eine Nacht mieten möchte. Kein Problem, meint sie und macht sich direkt auf den Weg zu mir zur Schlüsselübergabe. Interessant, wie das hier so funktioniert.
Kurze Zeit später beziehe ich meine Minihütte und verwandle die Bude in eine Trockenstube für mein Zelt. Jede! Möglichkeit dazu wird genutzt. Manchmal habe ich schon Mitleid mit den Hüttenvermietern… Aber trockenes Zelt geht vor, sorry! Und bevor ich die Hütte verlasse, wird auch immer brav aufgeräumt und geputzt. Bislang hat sich noch niemand über mich beschwert. Ich bin der Einzige, der gerade eine Hütte mietet und allgemein wirkt dieser Ort fast schon gespenstisch verlassen. Der Norden versinkt wohl allmählich in seinen langen Winterschlaf.
Die Wetteraussichten für diese Nacht und den ganzen nächsten Tag sind miserabel… Hier unten Schneeregen und oben im Fjell Schnee, durchgehend bis morgen Abend… Mein geplanter, weiterer Weg in Richtung Stabbursdalen Nationalpark würde ab morgen durchgehend auf hohem Terrain verlaufen. Zusätzlich müsste ich Zelten, da die Hütten in weiten Abständen liegen… Wieder einmal möchte der Winter nicht das mein Plan aufgeht!
Lange Zeit beschäftigt mich die Entscheidung für den weiteren Weg und ich versuche alle möglichen Alternativen zusammenzutragen. Auf das Beste hoffen und einfach in Fjell weitergehen? Den Tag morgen aussitzen und auf besseres Wetter und wenig bleibenden Schnee hoffen? Oder wird die Stadt Alta mich etwa doch noch zu Gesicht bekommen? Mit Hilfe von Telefonjokern und den Meinungen ein paar „alter Hasen“ finde ich eine Lösung, möchte aber erst noch eine Nacht darüber schlafen. Die Reise wird zu einer Aneinanderreihung von Kompromissen.
Wenn sich meine vorläufige Entscheidung morgen immer noch richtig anfühlt, dann weiß ich, wohin der Weg weiter geht. Im Zick-Zack ans Nordkap.
Tag 124 / Masi – Suolovuopmi Fjellstue
Ein Blick am Morgen aus dem Fenster der Hütte genügt, um die Entscheidung für den weiteren Weg final zu machen… Es geht nach Alta. Somit wird es nicht bei den 10 Tagen ab Kautokeino bleiben, da kommt jetzt noch was drauf. Egal, ich habe die Zeit und ich will sie genießen und mich nicht quälen! Allerdings blutet mein Herz auch etwas wegen dieser notwendigen Entscheidung. Über Alta zu gehen, bedeutet über Straßen zu gehen. Insbesondere der Weg von Alta nach Olderfjord führt dann, alternativlos, entlang der E6. Das ist die Hauptverkehrsstraße Norwegens! Ich habe mich allerdings darüber erkundigt und scheinbar soll es nicht so schlimm zu laufen sein. Dennoch stelle ich mich schon mental auf lange Tage an Straßenseiten ein und verabschiede mich von der Vorstellung durch den Stabbursdalen Nationalpark zu laufen. So habe ich mir die letzten Etappen einer Reise nicht vorgestellt.
Es muss die ganze Nacht lang geschneit haben und selbst hier, auf 300m Höhe, bleibt fast alles liegen. Die Finnmark, welche ich gestern noch als trist bezeichnet habe, legt ein neues Kleid an… Winter Wonderland. Ich fühle mich wie in einer anderen Welt, als hätte sich über Nacht alles verändert! Aber es ist weniger eine Last als ein weiteres Highlight, welches ich so nicht erwartet habe. Plötzlich freue ich mich richtig drauf, heute durch den neuen Schnee zu stapfen! Auch wenn der weitere Weg sehr eintönig und geradlinig ist. Bis nach Alta führen mich Schotterstraßen und ATV-Spuren.
Der weitere Weg, durchs Fjell, nach Norden ist für mich schlichtweg nicht mehr möglich. Wenn schon auf 300m so viel Schnee liegen bleibt, wie sieht’s dann erst auf 500m und höher aus?! Das ist und bleibt etwas, dass ich selbst nicht herausfinden möchte und so mache ich mich ohne Gewissensbisse wegen der Entscheidung auf die „long road to Alta“. Danke Finnmark, dass du mir die Entscheidung einfach gemacht hast!
Es schneit den ganzen Tag über noch leicht weiter und die Sonne scheint nur schwach durch die sonst dichte Wolkendecke. Nur das Knirschen des Schnees tönt monoton meinen Schritten hinterher. So anstrengend es auch aussehen mag, ich genieße es! Es macht mir Spaß und ich finde in dieser so veränderten Landschaft eine tiefe Ruhe. Das Laufen ist schon fast meditativ. Ich entschuldige mich bei dir große Finnmark, du kannst in deiner Einfachheit doch so wunderschön sein! Man muss sich die Zeit nehmen, dich kennenzulernen und sich mit deinen einzigartigen Eigenarten auseinandersetzen, um zu erkennen, dass man deine Faszination wohl nie ganz verstehen aber erleben kann.
Der Weg führt mich jetzt über 3 Wandertage direkt nach Alta. Jeden Abend sogar noch mal über Fjellstuen, welche ich gerne mitnehme, denn Zelten ist hier und jetzt, für mich, erstmal raus. Heute beende ich meinen Tag an der Suolovuopmi Fjellstue und meine Güte ist das eine Perle inmitten von nichts! Ich buch mich für die Nacht ein und dann geht’s direkt an meine Lieblingsbeschäftigung… Essen. Waffeln, mit einer riesigen Auswahl an selbstgemachten Marmeladen! Ich befürchte so langsam ich träum das Winterabenteuer hier nur. Diese kleinen Überraschungen heben augenblicklich meine Moral und gerade jetzt freue ich mich sehr, diesen Ort hier gefunden zu haben.
Tag 125 / Suolovuopmi Fjellstue - Gargia
Heute habe ich Schnee für euch, viel Schnee! Nach der Suolovuopmi ist der Weg nach Alta eine vage Spur durch die Schneemassen. Hier oben muss es die letzten Tage ordentlich geschneit haben! Ich bin froh, dass es an manchen Stellen bereits eine ATV-Spur durch den Neuschnee gibt, welche vermutlich durch die Rentiersammelaktionen der Sami entstanden ist. Ich möchte mir nicht vorstellen, was das für eine Qual gewesen wäre, wenn ich mich durch den Neuschnee hätte kämpfen müssen. Wieder einmal Glück gehabt, würde ich sagen!
Ich liebe diesen Tag einfach! Mit allem Drum und Dran! Bestes Wetter, wenig bis gar kein Wind und einfach nur diese endlose weiße Weite. Dazu gibt es noch die beste Kaffee Pause seit Langem, ohne dabei auszukühlen! Ich genieße den Moment mit allen Sinnen. Durch die Spuren im Schnee, ist das Wandern auch mehr Genuss als Anstrengung. Ich mache schnellen Fortschritt und komme am Ende, als es wieder ins Tal hinab geht, auf gute 34km heute, Alta ist damit in leicht erreichbarer Nähe für Morgen!
Mit der Fjellstue in Gargia hat es heute allerdings nicht geklappt. Da geht weder jemand ans Telefon, noch gehen die Türen auf, als ich direkt daran vorbeikomme. Mag wohl wieder an der schon längst vergangenen Saison liegen. Gerade traut sich einfach niemand mehr ins Fjell außer wir, die wir uns ans Nordkap kämpfen. Wobei ich zugeben muss, dass ich wirklich spät dran bin. Fast alle, die den Sommer-NPL laufen, sind schon am Nordkap angekommen und haben es somit vor dem Wintereinbruch geschafft. Nur Ronald und ich kämpfen uns noch über die letzten Kilometer zum „Ende der Welt“. Ich stelle mir manchmal und insbesondere jetzt gerade selbst die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, früher zu starten. Alleine schon ein 2 Wochen früherer Start im Süden, hätte mir genug Puffer vor dem neuen Winterbruch gegeben. Allerdings hätte ich damit wohl die Möglichkeiten verspielt, die Fjellregionen im Süden zu durchwandern. So komme ich immer wieder zur Erkenntnis, dass meine Zeitplanung so schon richtig war. Lieber kämpfe ich jetzt zum Schluss, als dass ich zu Beginn alle höheren Regionen umgehen muss.
Da es mit der nächsten Fjellstue nicht geklappt hat, baue ich mein Zelt nochmal auf einer kleinen Wiese an einer Waldstraße auf. Da ich, nach dem Abstieg aus dem Fjell, nur noch auf 45m Höhe bin, geht das auch ohne Probleme. Der Schnee traut sich noch nicht so weit hinunter. Der Abstieg ging über Schotterwege in eine Schlucht hinein, die Gargia Schlucht. Diese ist, alleine landschaftlich gesehen, schon eine Wucht! Ich verstehe, warum diese Gegend eine beliebte Urlaubsregion für Wanderungen im Sommer oder Skitouren im Winter ist, und wünsche mir kurz, nicht gerade in der trüben Übergangszeit hier zu sein, wenn alles wie ausgestorben ist. Die Nacht verspricht laut Vorhersage etwas stürmisch zu werden. Allerdings kommt mir das gerade gelegen, da ein Luftzug durchs Zelt die Kondenswasserbildung minimiert und ich somit endlich mal eine reelle Chance auf ein trockenes Erwachen habe.
Vor dem Schlafen gehen sitze ich noch lange Zeit an einem kleinen Pavillon (vermutlich für Angler) direkt am Fluss. Mir gehen die Gedanken durch den Kopf, dass auch die Routine mit dem campen bald ein Ende haben wird… Diese Routine hat sich mittlerweile so gut eingespielt und ich freue mich jedes Mal auf den Moment, wenn der Zeltplatz gefunden, das Zelt aufgebaut und eingerichtet ist! Es ist die Mischung aus den Gefühlen der absoluten Freiheit und vom lebendigen Abenteuer. Jedes Mal merke ich, dass ich nicht viel brauche, um glücklich zu sein. Ganz im Gegenteil sogar! Je weniger Sachen ich habe und umso weniger Dinge ich mich kümmern muss, desto eher findet mein Kopf Ruhe. Minimalismus ist ein schönes Lebenskonzept! Von Alta ans Nordkap hoch, werde ich auch noch einige Male zelten, aber so langsam lässt sich das an einer Hand abzählen. Ich weiß, dass es in raschen Schritten dem Ende zugeht, aber ich verdränge die Notwendigkeit, dass ich mich wirklich damit beschäftige. Jetzt gerade möchte ich keine Veränderung zum Alten akzeptieren und ich weiß nicht, wie ich das jemals schaffen sollte.
Tag 126 / Gargia - Alta
Ankunft in der Stadt, die mal geplant war, dann verworfen wurde und dann doch plötzlich wieder als Zwischenziel zurück kam… Alta!
Die Nacht war trotz der Sturmwarnung für Nordnorwegen sehr ruhig. Die Wahl des Zeltplatzes am kleinen Anglerplatz an der Øvre Sierra hat sich als perfekt herausgestellt. Durch die Berge, direkt südlich davon, wurde das meiste der starken Südwinde über mich hinüber geleitet und so habe ich lediglich den stürmischen Böen lauschen können, welche durch die Baumwipfel ziehen. Die Südwinde bringen gerade sehr wechselhaftes, aber „wärmeres“ Klima gen Norden und so hatte ich in der Nacht angenehme 5° Außentemperatur. Das fühlt sich für mich gerade als wirklich warm an! Ich bin wohl schon vollkommen im Wintermodus angekommen.
Der letzte Teil der Straße nach Alta ist nun vollständig asphaltiert und auch der Verkehr darauf nimmt wieder zu. Je näher ich an die Stadt herankomme, desto mehr Menschen lassen sich blicken und beobachten den verrückten Wanderer, der mit großem Rucksack entlang der Straßen geht. Die 20km heute laufen sich träge und ohne viel Begeisterung ab und so stehe ich schon um 15Uhr mitten in Alta und checke in mein mittlerweile drittes Thon Hotel ein. Die haben mich, hier in Norwegen, noch nie enttäuscht! Wer mir morgens ein riesiges Frühstücksbuffet anbietet, dem schenke ich sowieso meine ewige Liebe. Darauf freue ich mich jetzt schon!
Vor einem halben Jahr noch habe ich nie verstanden, wie Menschen die früh aufstehen gleich einen Bären-Hunger haben können. Mir wurde regelmäßig schlecht, wenn ich nur an Essen am Morgen gedacht hab und Frühstücksbuffets waren für mich immer die reinste Geldverschwendung. So, und jetzt bin ich selbst einer der großen Frühstücker geworden. Wie heißt es immer so schön „Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages“?! Kann ich mittlerweile bestätigen! Ohne geht’s grad nimmer für mich! Mein Körper scheint in einem optimalen Zustand angekommen zu sein. Oder er weiß einfach, dass jeder Tag zur Qual werden könnte, wenn ich mal wieder übertreibe?! Wer weiß?
Mir ist gerade gar nicht nach Städte bummeln… Alta ist gerade eine Notwendigkeit und nicht mehr. Lediglich die Nordlyskathedrale, quasi ein Wahrzeichen von Alta, schaue ich mir an. Allerdings auch nur wegen der Lage, denn die liegt direkt um die Ecke des Hotels. Ich mag ja kreative Architekturen, aber diese Kirche sieht eher nach Blechbüchse aus. Ich will hier aber nichts klein reden und denke mir, dass mein Eindruck, unter etwas passenderen Umständen, sicher ein besserer wäre. Ich verbringe die restliche Zeit des Tages mit Essen und Einkaufen. Der letzte, größere Provianteinkauf für die letzte Etappe zum Nordkap. Ja, es folgt nur noch eine Etappe. Viel mehr nördlich geht es bald nicht mehr und ich vermute, dass mich bald die ersten Schilder mit der Aufschrift „Nordkapp xxx km“ empfangen werden. Spätestens dann werden meine Emotionen Achterbahn fahren. Gerade kann ich es noch nicht realisieren.
Einen Ruhetag werde ich hier nicht einlegen, denn dazu fühle ich mich zu deplatziert in dieser Stadt, die nur ein Kompromiss ist. Zudem scheucht mich der Winter vor sich her und es ist fraglich, wie viele gute Wandertage mir noch übrigbleiben.
Im Nachhinein betrachet...
… war diese Etappe die Vervollständigung des Kreislaufs der vier Jahreszeiten. Ich bin in den Nachwehen des alten Winters gestartet und jetzt haben mich die Vorboten des neuen Winters eingeholt. Vier Monate, in welchen ich alle vier Jahreszeiten in Norwegen miterleben durfte. Was für eine epische Erfahrung das alles bisher war. Vielleicht habe ich zuhause, in Deutschland, einen schönen Sommer verpasst, aber dafür habe ich ein ganzes Jahr an Jahreszeiten in Norwegen bekommen.
Ich war schon immer ein Mensch, der vom Winter und all seinen Facetten fasziniert ist. Der erste neue Schnee, Eisblumen an den Fenstern und der gefrierende Atem, wenn die klirrende Kälte zuschlägt. Alles Dinge, welche zuhause leider immer seltener werden. Hier aber nicht. Der neue Schnee schränkt mich zwar in der Routenplanung ein und meine favorisierten Wege sind nicht mehr möglich, allerdings hebt er die Spannung auf den letzten Kilometern meiner Reise. Im Nachhinein bin ich froh darüber, dass die letzten Tage kein Sonntagsspaziergang waren und mich noch mal richtig herausgefordert haben. Mein eigener Stolz, auf mich und meine Leistungen, ist damit ins Unermessliche gestiegen und mein Buch der Lebensgeschichten ist um einige Erfahrungen reicher geworden.
Allerdings war ich zu der Zeit auch sehr innerlich zerrissen. Zwischen dem Wunsch, endlich das Ziel zu erreichen und der Angst, was danach kommen mag. Letzteres konnte ich mir so gar nicht vorstellen und habe mich immer wieder von den Gedanken darüber abgeschottet. Ich wollte es schlichtweg nicht wahrhaben, dass hier bald etwas Großes vorbei ist. Trotz exzellenter Kondition und mentaler Stärke hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber einen Grad an Erschöpfung erreicht, welcher nicht mehr zu ignorieren war. An einigen Tagen hat mich nur noch meine Sturheit vorangetrieben und das Wettrennen gegen den Winter, sowie die vielen Kilometer entlang der E6 haben alle meine Energiereserven aufgebraucht und den Gürtel meiner Wanderhose muss ich schon seit Langem deutlich enger schnallen.
Es wurde Zeit für das Ziel. So schmerzlich das Ende auch sein mag.
Die gesamte Route auf einen Blick:
Falls Interesse an .gpx Dateien meiner Route besteht, gerne per Kontaktformular melden. Ich helfe gerne weiter 🙂



































